Friesenbergs hässlicher Triumphbogen kommt endlich weg
- Andreas Schenzle
- vor 1 Tag
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AC/DC - das harmoniert eigentlich nur als Name der bekannten australischen Hardrock-Band, nicht aber für die Stromversorgung, denn Wechselstrom (→ AC) und Gleichstrom (→ DC) sollte man tunlichst voneinander getrennt halten.
Kreuzungen zweier Gleichstromleitungen sind dagegen technisch einfach umsetzbar. 70 Jahre lang – von 1952 bis 2022 – kreuzten sich die Trolleybus-Linie 32 (600 V Gleichstrom) und die Üetlibergbahn (1'200 V Gleichstrom) auf der Friesenbergstrasse, ohne mir bekannten Kurzschluss.
Die Geschichte der Üetlibergbahn ist auf Wikipedia gut zusammengefasst. Sie wurden mit Gleichstrom betrieben, weil ursprünglich geplant war, sie ins Zürcher Tramnetz zu integrieren. Das wurde zum Beispiel mit der Forchbahn realisiert, und auch Trolleybusse nutzen oft die Oberleitungen der Strassenbahnen.

Die Betreiberin der Üetlibergbahn ist die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn AG (SZU) während die Trolleybusse in der Verantwortung der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) liegen. Beide sind Teil des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV). Schon lange plante die SZU die Umstellung der Üetlibergbahn auf Wechselstrom (15 '000 V, 16.7 Hz), um so auch die Kompatibilität zur Sihltalbahn und der SBB herzustellen, was sich unter anderem positiv auf die Pünktlichkeit der Verbindungen auswirken sollte. Im Sommer 2022 war es schliesslich soweit.
Um die Problematik der Kreuzung von Wechselstrom- und Gleichstromleitungen zu lösen, errichtete die SZU ein 33 Meter langes und 32 Tonnen schweres Stahlgerüst. Der Quartierverein berichtete zuerst am 2. August 2022 über diesen neuen Triumphbogen am Friesenberg. Die Anwohner regten sich schnell über dieses «Schandmal der Arroganz» auf, während Monteure des Konstrukts stolz von einem «europaweit einmaligen Kreuzungssystem» schwärmten.
Was als einzigartige Ingenieursleistung geplant war, endete in einer peinlichen Blamage, über die der Quartierverein am 29. August 2023 berichtete. Nach neun Monaten verzweifelter Versuche stand endgültig fest, dass das System nie richtig funktionieren würde. Konkret gab es Probleme an der Schnittstelle zwischen Stromabnehmern und Fahrleitungen der Züge, was regelmässig zu unerwünschter Funkenbildung führte. Schon damals kündigte die SZU an, die Stahlkonstruktion im Jahr 2026 wieder abzubauen. Gemäss Aussage des Stadtrates vom 10. November 2022 hat das Kreuzungsbauwerk «etwa 2.5 Mio Franken» gekostet (Antwort auf die schriftliche Anfrage von QV-Vorstandsmitglied Flurin Capaul und Gemeinderat Jehuda Spielman GR Nr. 2022/388)
Der Rückbau erfolgt in Etappen, beginnt am 7. September, und soll bis Ende Oktober abgeschlossen sein. Die Montage des neuen Fahrleitungstragwerks soll dann bis zum 19. November erfolgen. Die Anwohner müssen mit nächtlichem Arbeitslärm rechnen. Hier ist der aktuelle Rückbauplan der SZU zum Herunterladen:
Vor wenigen Wochen berichtete schliesslich die NZZ über den Fall und den bevorstehenden Rückbau:
Da das System nicht funktioniert, haben sich die SZU und die Herstellerfirma Kummler+Matter AG auf einen Nachlass von 800'000 Franken geeinigt. Somit wurden letztlich «nur» 1.7 Mio Franken in den Sand gesetzt.

Als Aussenstehender fragt man sich, wie es zu diesem intellektuellen Kurzschluss kommen konnte. Wollten sich die involvierten Ingenieure profilieren und haben sich dabei gnadenlos überschätzt? Warum hat man das System nicht erst einmal im Kleinformat ausgetestet? Und überhaupt – warum hat man nicht gleich in Absprache mit den VBZ die naheliegendste Lösung verwirklicht? Letztlich mussten nämlich nur weitere Trolleybusse mit Batterien ausreichender Kapazität angeschafft werden, damit diese die Friesenbergstrasse ohne Oberleitung bewältigen können.
Die SZU ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Wiedikon. Grösste Aktionäre sind die Stadt Zürich mit 31,7 %, der Bund mit 27,0 % und der Kanton Zürich mit 23,1 % des Aktienkapitals; die fünf Anrainergemeinden Adliswil, Langnau am Albis, Horgen, Thalwil und Uitikon halten insgesamt 8,0 % der Aktien, die restlichen 10,2 % sind im Streubesitz erfährt man auf Wikipedia. Im Geschäftsbericht der SZU für das Jahr 2025 wird ein Umsatz von 113.9 Mio Franken bei einem Jahresverlust von 0.78 Mio Franken angegeben. 1.7 Mio Franken mehr oder weniger auf dem Konto macht für die Gesellschaft also durchaus einen Unterschied.
Hier der Download-Link zum Geschäftsbericht:
Für die SZU könnte AC/DC also ihren bekannten Song «dirty deeds done dirt cheap (böse Taten, die billig zu haben sind)» in «dirty deeds done dirt costly (böse Taten, die teuer zu stehen kommen)» umtexten.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch der Ausbau der Bahnlinie auf zwei Spuren und die damit zusammenhängende Verlegung der Station Friesenberg zu langen Streitigkeiten zwischen den von Teilenteignungen betroffenen Anwohnern und der SZU geführt hat. Darüber hat der Quartierverein zuletzt am 13. März dieses Jahres berichtet.
Text: Andreas Schenzle
Bilder: Quartierverein



