top of page

Neuer Triumphbogen am Friesenberg!

Mitarbeiter des KITQV Support
2. Aug. 2022
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.


Ein gewaltiger Torbogen spannt sich seit dem 1. August über den Bahn- und Strassen­zugang zum höchstgelegenen Wiediker Stadtteil. Monumental oder monströs? Die Frage bleibt – spaltet aber jetzt schon Betreiber und Anwohner. Entweder wird der neue Arc de Triomphe an der Kreuzung Friesenbergstrasse/Uetlibergbahn bald zum Wahrzeichen des Friesenberg-Quartiers. Oder aber zum «Schandmal der Arroganz», das zudem noch den Blick auf den Uetliberg verstelle.


Worum gehts? Die Wohnsiedlungen Gehrenholz, Tiergarten, Wasserschöpfi und der Fried­hof Unterer Friesenberg werden ab sofort in einem architektonisch kühnen Zangengriff, den nur ein Bahningenieur erfinden konnte, zu einem kompakten Verkehrskreuz zusammen­gefügt. Ohne die Anwohner zu konsultieren – so jedenfalls beteuern diese gegenüber dem Quartierverein – überdacht die Sihltal-Zürich-Uetlibergbahn (SZU) die Friesenbergstrasse mit einem 33 Meter langen und 32 Tonnen schweren Beton-Stahl-Starkstrombogen.


SZU – hier noch einspurig, bald zweispurig über Friesenbergstrasse
SZU – hier noch einspurig, bald zweispurig über Friesenbergstrasse

Schon letzte Woche schwärmte das Tagblatt der Stadt Zürich von einem «schweizweit einmaligen Kreuzungssystem am Friesenberg». Technischer Hintergrund: Die SZU stellt ihre Stromversorgung von Gleich- auf Wechselstrom um. So kreuzen sich an der Haltestelle Friesenbergstrasse mit der Bahnlinie S10 und der Trolley­bus­linie 32 künftig unterschiedliche Strom­span­nungen. Nämlich 15'000 Volt Wechsel­strom (Bahn) und 600 Volt Gleichstrom (Bus). Damit es nicht zu einem Kurzschluss komme, hätten SZU-Fachleute für den neu­ral­gi­­schen Übergang das «einmalige Kreu­zungs­system» entwickelt. Bei Bahn­be­trieb werden die VBZ-Leitungen aus­ge­schaltet und geerdet, bei Busbetrieb die SZU-Lei­tun­gen. Die auto­mati­sche Steuerung er­folgt durch das SZU-Leitwerk. Auf der Bau­stel­le vor Ort sprechen Monteu­re gar von einem «europaweit einmaligen Konstrukt».


Hier der Tagblatt-Artikel zum Herunterladen:


Klar, dass eine solch technische Meisterleistung Bahnbetreiber und Projektleiter elektrisiert. Weniger unter Strom stehen Anwohnerinnen und Anwohner. Einige nehmen’s mit Galgen­humor, andere sind entsetzt.

«Horror», findet ein Anwohner.

«Monster», ein anderer.

«Da wird einem total schlecht,» schreibt eine Nachbarin.

Auf der Bahnplattform bahnonline.ch vergleicht Bernhard Eng das Monument mit einem «Schiffshebewerk, das man als touris­tische Attraktion mit Eintritt vermarkten» könne.


Selbst vierstöckige Häuser wirken klein hinter dem «Tor zum Friesenberg»
Selbst vierstöckige Häuser wirken klein hinter dem «Tor zum Friesenberg»

Hans Bodmer bezeichnet es als «völlig überrissen». Abgesehen von den hohen Kosten verschandle dieses Bauwerk die ganze Umgebung, «die Idee gehört in die Fasnachtszeitung.»

Und Hans-Rudolf Ryffel spottet: «Dass das katastrophale Bauwerk schweizweit einma-lig ist, wundert mich überhaupt nicht, da ausser der SZU bestimmt niemand auf eine solch abstruse Idee kommt.»

Der ehemalige VBZ-Fahrer Peter Specker warnt: «Wenn Jugendliche mal auf die Idee kommen, hier rauf­zuklettern und mit dem Strom in Kontakt geraten, gibt’s eine gewaltige Tragödie!»

Nur ein Einzelner findet, man müsse heute grösser denken, und gratuliert zum «einzig­artigen Bauwerk».


Gehrenholz-Bewohner Urs Fischer schreibt: «Während fast für jedes neue Marroni­häus­chen ein Gestaltungsplan verlangt wird, wird hier in einem Wohnquartier massiv gestalterisch eingefahren. Ohne dass der Eindruck entsteht, dass das Quartier eine Stimme hatte.» Wurde das Bauwerk etwa gar nicht ausgeschrieben oder ausgesteckt? Nachbar Jost Wirz sagt dazu: «Das Ungetüm wurde nie ausgesteckt oder markiert. Von Transparenz keine Spur, Arroganz pur. Einmal mehr ein fait accompli.» Die Haltung der SZU nennt er «unterirdisch».


Anwohnerprotest: «Wir wollen das nicht!»
Anwohnerprotest: «Wir wollen das nicht!»

Dagegen wehrt sich Marco Graf, Leiter Marketing und Kommunikation der SZU: «Das gesamte Projekt wurde im August 2019 beim Bundesamt für Verkehr (BAV) zur Prüfung und Genehmigung eingereicht. Die öffentliche Auflage war im Herbst 2019 und jede Person konnte die gesamten Unterlagen bei der Stadt Zürich einsehen und Einsprache erheben. Auch die Stahlkonstruktion an der Friesenbergkreuzung war zu diesem Zeitpunkt weitest­gehend bestimmt und die Geometrie sowie die Materialisierung waren Teil der Bau­ein­gabe.» Die Informationspflicht habe bei der Stadt Zürich gelegen: «Sie hat das Vorhaben offiziell publiziert.» Aber wurde das Projekt auch ausgesteckt? Dazu Graf: «Profiliert wurde das Kreuzungsbauwerk mit Bodenmarkierungen und zirka 50 Zentimeter hohen Ver­mes­sungs­pfäh­len.» Dies sei bei Bahnprojekten so üblich.


Ob das genügt? Triumphbogen – oder Schandmal. Viele Wiedikerinnen und Wiediker, Pendlerinnen und Spaziergänger bleiben dieser Tage stehen. Wundern sich, schütteln den Kopf oder geben lautstark einen Kommentar ab. Einige Anwohner haben bereits Tafeln auf­ge­stellt: «Wir wollen das nicht!» Für Gesprächsstoff ist gesorgt.


Der neue «Arc de Triomphe» am Friesenberg, hier noch nicht ganz vollendet
Der neue «Arc de Triomphe» am Friesenberg, hier noch nicht ganz vollendet

bottom of page