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Fragen über Fragen zum Pilotprojekt Alt-Wiedikon/Binz

  • Autorenbild: Quartierverein Wiedikon
    Quartierverein Wiedikon
  • 26. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 20 Stunden

Flächendeckende Werbung im Quartier
Flächendeckende Werbung im Quartier

Am 14. Juni 2026 hat das «Netto Null Fest» auf der Kollerwiese, der Schlossgasse und beim Parkplatz Ortsmuseum stattgefunden. Rund 100 Leute waren jeweils vor Ort, wie Besucherinnen des Quartiervereins bestätigen. Ein Volksfest oder «Quartierfest» war es also nicht, obwohl der begrüssende Stadtrat Andreas Hauri «die grosse Beteiligung aus dem Quartier» lobte. Doch das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite und die Stimmung im Publikum war positiv. Neben Food- und Getränkeständen lockte ein «Velokino», ein wandernder Klimakiosk und später am Abend ein Public Viewing des Schweizer WM-Eröffnungsspiels etliche Besucherinnen und Besucher an.

Eröffnung des Pilotquartier-Fests durch (v.r.) Stadtrat Andreas Hauri, Julian Petrin und Birte Kepp (beide Urbanista)
Eröffnung des Pilotquartier-Fests durch (v.r.) Stadtrat Andreas Hauri, Julian Petrin und Birte Kepp (beide Urbanista)

Inhaltlich im Zentrum stand die Vorstellung der 25 prämierten Projektideen von 14:00 bis 14:30 Uhr. Diese waren aus einem Publikums-Voting zwischen 13. April und 13. Mai sowie der Bewertung einer interdisziplinären Fachjury hervorgegangen. Darunter auch zwei Projekte des Quartiervereins Wiedikon, die es unter die ersten 25 geschafft hatten (mehr dazu siehe Kasten 2). Diese können nun von den Projektverfassern überarbeitet und in ein zweites Voting geschickt werden, das im November 2026 stattfinden soll.

Prächtige Stimmung auch dank Sommerwetter – noch kein Hitzetag
Prächtige Stimmung auch dank Sommerwetter – noch kein Hitzetag

Daraus können fünf bis maximal 12 Projekte hervorgehen, die mit städtischen Geldern in Höhe von total bis zu einer Millionen Franken gefördert und durchgeführt werden sollen. Die Präsentation besorgten Birte Kepp und Julian Petrin von der Firma Urbanista, die das Pilotprojekt Netto Null (PPNN) im Auftrag der Stadt über die nächsten sechs Jahre begleitet. Ich selbst bin zur Mitarbeit vom Vorstand des Quartiervereins mandatiert, zusammen mit Vorstandsmitglied Céline Büchel. Die Projektleitung des Netto Null Projekts wählte mich in die externe Fachjury zur Beurteilung der eingereichten Vorschläge. Die vielen Dutzend Arbeitsstunden, Sitzungen, Besprechungen habe ich nicht gezählt. Erbringen konnte ich diese Freiwilligenarbeit einzig dank meiner Freizeit als Pensionierter. Ganz anders als die zahlreichen bezahlten Mitarbeiter der Projektleitung, der Stadtverwaltung und der beauftragten Coaching-Firmen.

Kasten 1

Ökorealisten statt Missionare

«Für das globale Klima ist es unerheblich, ob die Schweiz ihren CO2-Ausstoss senkt. Denn ihr Anteil beträgt nur 1 Promille des globalen Treibgasausstosses. Unser Land sollte besser eine technologische Initiative zur Lösung des Problems starten.» (Felix Blumer, Meteorologe, Klimaexperte und Wetterfrosch Schweizer Radio 1)

«Realismus ist das Gegenteil von Ideologie. Ich bin durch und durch Umweltschützer. Doch die Erfahrung hat mir gezeigt, dass wir die Umwelt ohne die Unterstützung von Wirtschaft, Finanzwesen, Industrie und Politik niemals bewahren werden. Wenn wir ein Ziel erreichen wollen, brauchen wir Konsens und keine Streitigkeiten. Deshalb bevorzuge ich einen realistischen Ansatz: Wir können die Umwelt mit Lösungen schützen, die auch rentabel sind.» (Bertrand Piccard, Ballonfahrer, Solarpionier und Gründer von Solar Impulse Foundation)

Harzige Ideensuche

Über 200 Seiten starkes Ideenhandbuch der Projektleitung
Über 200 Seiten starkes Ideenhandbuch der Projektleitung

So weit, so gut. Natürlich freuen wir uns als Quartierverein, dass zwei unserer Projekte weiterhin im Rennen sind. Der Quartierverein Wiedikon hat als einziges Medium der Stadt Zürich auf seiner Website kontinuierlich über die Vorgeschichte und Entwicklung des Pilotprojekts berichtet. Der letzte Artikel datiert vom 9. Oktober 2025: «Pilotprojekt Wiedikon Netto Null – ein teures Sandkastenspiel». Eine kritisch-konstruktive Begleitung dieses Quartierprojekts wird, wie wir aus mehreren Feedbacks wissen, von unserer Mitgliedschaft gewünscht. Wir waren deshalb von Anfang an dabei.

Der Start des Projekts im November 2025 verlief harzig. Wochenlang wurde im Quartier aufgerufen, beim PPNN doch Ideen einzureichen. Trotz euphorischer Anlässe externer Akteure – so etwa des Climathons Züri vom 21.-23. November 2025 in der Alprausch-Fabrik, der mit dem PPNN grundsätzlich nichts zu tun hat – sowie des Brunch for Ideas am gleichen Ort, zu dem Interessierte mit Getränken und einem Gratismittagessen gelockt wurden, kam im Quartier selbst kaum Begeisterung auf. Zu künstlich, zu forciert und zu gewollt wirkten diese Gute-Laune-Events. Der Weltverbesserungsdrang passt nicht mehr recht zur unsicheren Weltlage (Ukraine-Krieg, Nahost-Krieg, US-amerikanische Politeskapaden unter Trump). Nach drei Monaten, Ende Januar 2026, waren erst 68 «Projekte» von Klimainteressierten eingereicht worden. Aus der «normalen» Quartierbevölkerung kamen nur wenig Impulse, das Interesse am städtischen Pilotprojekt blieb bis heute verhalten.

Alle anwesenden Personen, die Ideen eingereicht hatten, wurden für einen gemeinsamen Applaus auf die Bühne gebeten.
Alle anwesenden Personen, die Ideen eingereicht hatten, wurden für einen gemeinsamen Applaus auf die Bühne gebeten.

An zwei Ideenschmieden vom 31. Januar und vom 14. März 2026 rührte dann die Projektleitung, bzw. die von der Stadt mandatierte Firma Urbanista AG zusammen mit der Kommunikationsagentur Freundliche Grüsse AG stark die Werbetrommel. So lagen schliesslich am 31. März insgesamt 233 Ideen vor (Dutzende davon erst in den letzten Märztagen eingetroffen). Ausgefeilte ebenso wie unausgegorene Ideen. Erstmals zeigte sich die Projektleitung zufrieden. Über 204 Ideen durfte abgestimmt werden, doppelt so viele, wie sie anfänglich erwartet hatte. Ein von Urbanista verfasster über 200 Seiten dicker Katalog legt davon Zeugnis ab. Die Durchsicht zeigt, dass sich darunter auch politische Ideen (Werbeverbot für Konsumgüter) und Selbstverwirklichungsvorhaben (privates Chorprojekt) finden lassen.


Stimmen Nicht-Betroffene über ein Wiediker Projekt ab?

Stolz verkündete die Leitung des Pilotprojekts nach Abschluss des Publikums-Votings, dass insgesamt 2685 Personen «im Schnitt mit 2.46 Stimmen» am Voting teilgenommen und insgesamt 6607 Stimmen abgegeben hätten. Quantität wird offensichtlich stärker gewichtet als Qualität. Dazu muss man wissen, dass die in Wiedikon domizilierte, aber ursprünglich in Hamburg gegründete Stadtentwicklungsfirma von einem Parteifreund von Stadtrat Hauri geleitet wird. Wie hoch der über sechs Jahre laufende Auftrag honoriert wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Für den Quartierverein, der ausnahmslos ehrenamtlich arbeitet, wäre allerdings Transparenz in diesem Bereich wichtig. Doch ist das in diesem Zusammenhang nur ein Nebenaspekt.

Céline Büchel vom Vorstand des Quartiervereins zeigt auf ein besonders effizientes Projekt
Céline Büchel vom Vorstand des Quartiervereins zeigt auf ein besonders effizientes Projekt

Wichtiger ist die Frage, woher die 2'685 Abstimmenden kommen. Im Projektperimeter Alt-Wiedikon/Binz leben gemäss Projektleitung rund 9'000 Personen. Zieht man davon Kinder, Jugendliche im schulpflichtigen Alter, sprachunkundige Ausländer, bevormundete, nicht urteilsfähige und andere mental herausgeforderte Menschen ab, bleiben höchstens 5'000 bis 6'000 Personen, die überhaupt an einem solchen Voting teilnehmen konnten. Mit anderen Worten hätten die 2'685 Abstimmenden fast die Hälfte aller dort wohnenden Wiedikerinnen und Wiediker ausgemacht. Wer aber im Quartier wohnt und mit Leuten spricht, weiss, dass dies niemals der Fall war.

Wandernder Klimakiosk auf der Schlossgasse
Wandernder Klimakiosk auf der Schlossgasse

Erste Schlussfolgerung: Die Mehrheit der Abstimmenden lebt gar nicht im Quartier, sondern ausserhalb des Kreises 3, wohl auch ausserhalb der Stadt Zürich. Sollen also «Auswärtigen» über Projekte bestimmen, die in Wiedikon realisiert werden und von denen sie gar nicht betroffen sind? Das kann es wohl nicht sein. Aus unserer Sicht ist es essenziell, dass nur direkt Betroffenen zu konsultieren und mit ihnen zusammen Projekte zu entwickeln, deren Folgen sie zu tragen haben. Nur sie können sagen, was funktioniert und was nicht.

Als ehemaliger Präsident des Quartiervereins Wiedikon habe ich die Projektleitung vor Beginn des Votings ausdrücklich auf diese Problematik hingewiesen. Denn schon bei früheren Ausschreibungen mit partizipativen Budgets hat es an Kontrolle und Transparenz gefehlt, wodurch es zu Missbräuchen gekommen ist. Der Quartierverein hat auf diese Gefahr bereits letzten Sommer in einem Brief an die Projektleitung sowie an Stadtrat Andreas Hauri hingewiesen. Lesen Sie dazu unseren Artikel vom 13. Juni 2025: «Netto Null Alt-Wiedikon – weniger Blabla, mehr Effizienz». Aus ähnlichen Gründen hat der Quartierverein Wipkingen vor zwei Jahren darauf verzichtet, an einem von der Stadt vorgeschlagen partizipativen Budget teilzunehmen.

Auch die Kollerwiese war Teil des Pilotquartier-Fests
Auch die Kollerwiese war Teil des Pilotquartier-Fests

Leider zeichnet sich diesmal dasselbe ab: Ein Vorstandsmitglied des Quartiervereins hat mir kurz nach Beginn des Votings im April 2026 geschrieben: «Ob man aus Wiedikon ist, städtischer Angestellter, bezahlter Netto-Null-Projektmitarbeiter oder einfach Fake Profile eröffnet: anything goes.» Er habe es selbst getestet und mit einer gefälschten E-Mail-Adresse problemlos abstimmen können. Zweite Schlussfolgerung: Ein Abstimmungsverfahren, bei dem man mit einem Fake-Profil teilnehmen kann, ist für das Pilotprojekt absolut wertlos. Als Mitglied der Fachjury habe ich diese fehlende Transparenz an der internen Jury-Sitzung vom 29. Mai nochmals thematisiert. Daraufhin versprachen die anwesende Projektleitung (Andrea Altorfer vom Projektstab Stadtrat) sowie Julian Petrin von Urbanista, beim zweiten Voting von November 2026 Missbräuche auszuschliessen. Daran muss sich das PPNN Ende Jahr messen lassen.

Kasten 2:

Zwei Projekte des Quartiervereins mit grossem Potenzial

Der Quartierverein Wiedikon hat bereits im November 2025 die beiden Projekte Klimafreundliche Heizsysteme realisieren sowie Wärmedämmung von Gebäuden vorantreiben eingereicht. Ein drittes «Projekt Wärmeverbund» wurde als «ungeeignet» abgelehnt, weil sich ein solcher für Wiedikon «bereits in Entwicklung befinde».

Wir stellten unsere zwei Projekte unter das Motto der Projektleitung: «Wie können wir den Alltag in der Binz und in Alt-Wiedikon zukunftsfähiger, ressourcenschonender und gemeinschaftlicher gestalten?» Das Pilotquartier ist in allererster Linie ein Projekt zur Reduzierung des schädlichen CO2-Ausstosses in Wiedikon. Gemäss Bundesamt für Umwelt wird ein gutes Fünftel der Treibhausgase (22,6 Prozent) durch Gebäudeemissionen erzeugt. Also überlegten wir uns, wie wir am wirksamsten und effizientesten eine messbare Senkung dieses Ausstosses, der vor allem von fossilen Heizsystemen (Erdöl und Gas) stammt, erreichen können.

Für das erste Projekt (klimafreundliche Heizsysteme) schlagen wir deshalb vor, die ganze Haldenstrasse vom Bahnhof Binz bis zur Friesenbergstrasse – Hausnummer 1 bis 148 – von fossilen auf klimafreundliche Heizungen (Erdsonden oder Umwälzpumpen) umzustellen. Wir würden diesen Eigentümern mit städtischer Hilfe einen Betrag von CHF 10'000 anbieten, zusätzlich zu den bereits geltenden Fördermitteln (aktuell HF 10'000 bis 20'000), wenn sie diesen Umstieg INNERT ZWEI JAHREN vollziehen. Das Pilotprojekt könnte beispielhaft für andere Stadtquartiere aufzeigen, ob und wie gross die Verminderung des ökologischen Fussabdrucks in kurzer Zeit sein kann.

Für das zweite Projekt (Wärmedämmung älterer Gebäude) sehen wir alternativ drei oder vier Strassenzüge vor (Goldbrunnenstrasse, Austrasse, Uetlibergstrasse, Haldenstrasse), an denen vor 1990 erbaute Häuser systematisch erfasst und mit Unterstützung der betreffenden Hauseigentümer wärmegedämmt werden. Damit kann die Heizleistung und somit der Treibgasausstoss ebenfalls markant gesenkt werden. Auch hier muss die Sanierung innert zwei Jahren erfolgen, damit ein finanzieller Zuschuss gewährt wird. Beide Projekte werden in den nächsten Wochen zusammen mit zwei Energiefachleuten der Stadt weiterbearbeitet.

Gefahr der Blasenbildung

Ein weiteres Problem sehe ich in der Informationsfülle, ja Informationsflut sowie in der Problematik der Blasenbildung. Als Teilnehmer an inzwischen über einem halben Dutzend NNPP-Aktivitäten stellen sich für mich zwei Fragen: Wie bewältige ich die fast wöchentlich eintreffenden Informationen (Aufrufe, Links, Newsletter)? Durch Dutzende von Seiten sollte man sich durchlesen, kundig machen, Fragen beantworten, Aktivitäten entwickeln. Was für bezahlte städtische Angestellte möglich ist, fordert Laien, die dazu noch berufstätig sind, gehörig heraus. Pensionierte, Stellenlose oder Berufsleute, die sich mit diesen Fragen beschäftigen (Architekten, Planerinnen, Energiefachleute), mögen das bewältigen. Nicht aber zum Beispiel «normale» Werktätige, Handwerker, interessierte Hauseigentümerinnen und so weiter.

Weniger gut besucht: das Velokino
Weniger gut besucht: das Velokino

Dass unter den Ideengeberinnen und -gebern auch klimapolitisch engagierte Menschen bis hin zu Aktivisten sind, ist zu akzeptieren. Die Gefahr in Diskussionszirkeln allerdings, wo sich Profis mit Laien treffen, besteht oft darin, dass man sich in einer Klima-Blase wiederfindet. Auffällig häufig trifft man auf grüne Politikerinnen und Politiker, die als Broterwerb bezahlte Sekretärs- oder Experten-Funktionen ausüben. Diese «Experten» sind aber nicht selten auch Missionare für ihre eigenen politischen Überzeugungen. So bildet sich denn oft ein grüner Mainstream-Konsens heraus, bei dem sich Andersdenkende schnell ausgeschlossen fühlen. In einer solchen Blase fehlen meist Klimaskeptiker oder Dissidente wie z.B. Wetterfrosch Felix Blumer. Dritte Schlussfolgerung: Auch die externe «Fachjury» leidet an einem solchen Diversitäts-Defizit. Das sollte behoben werden.


Text: Urs Rauber, Quartierverein Wiedikon

Fotos: Pilotquartier Netto Null, Céline Büchel, Urs Rauber


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