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Was soll aus unserem Friedhof Sihlfeld werden? [2]

Andreas Schenzle
3. Okt.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Dies ist der zweite Teilbericht zum städtischen Projekt «Zukunft Zürcher Friedhöfe». Im ersten Teil wurde das Projekt vorgestellt und mit der Be­richt­erstattung über den Auftakt-Workshop am 19. September begonnen. Die Stake­holder, die bei der Veranstaltung waren, haben diese Woche die Er­geb­nis­se und Aus­wer­tung­en der Dis­kus­sion­en erhal­ten. Aber bleiben wir zunächst bei der Chronologie des Workshops.

Der Stadtpräsident macht die Friedhöfe zur Chefsache.
Der Stadtpräsident macht die Friedhöfe zur Chefsache.

Nach der Kaffeepause ging Raphael Golta in seiner Rede noch einmal auf den aktuel­len Zustand sowie den Trend zu nicht mehr benötigten Grabfeldern bzw. zu insgesamt überdimensionierten Friedhofsflächen ein. Wiedikon ist mit zwei Friedhöfen (Sihlfeld und Üetli­berg) gesegnet. In einer Stadt wie Zürich, die unter chronischem Flächen­mangel leidet, weckt das frei ge­wor­de­ne Land der Friedhöfe na­tür­lich Be­gehr­lich­keiten. Vor allem der Fried­hof Sihlfeld mit seiner zentralen Lage und Grösse wird vor­aus­sicht­lich signifikante Ver­än­de­rung­en erfahren.

Für eine Zukunftsvis­ion hat sich Ra­phael Gol­ta von Bei­spielen aus an­deren Städ­ten inspirie­ren las­sen (Fo­lie 41). Eine Stadt be­treibt auf ihrem Fried­hof ein Café. Es wur­de auch schon eine grosszü­gige Parkland­schaft mit Denk­mä­lern und Mu­seen reali­si­ert. Wo­anders wer­den Friedhöf­e zuneh­mend für (Kunst)-Ausstel­lungen und an­dere Veran­stal­t­ungen ge­nutzt. Die letz­ten bei­den Bei­spiele lie­gen gar nicht so weit von der Reali­tät des Fried­hofs Sihl­feld ent­fernt.

Ein wei­teres vom Stadtpräsid­enten erwähn­tes Bei­spiel be­traf den Wie­ner Zentral­friedhof, wo eine Bewegungsa­rena für «Si­lent Runs» einge­richtet ist. In diesem Zusammenhang äus­serte Robert Peterhans von «Züri rännt» in einem persönlichen Gespräch, dass er noch nie auf die Idee gekommen sei, auf Friedhöfen zu laufen, da Zürich über eine grosse Auswahl an ge­eig­ne­ten Strecken verfüge. Zum Abschluss seines Vortrags zeigte Raphael Golta dasselbe Bild mit Radweg und Feder­ball­spiel wie zuvor Pascal Ziesack. Es erinnert sehr an das Schicksal der Fritschiwiese, die früher einmal ein Friedhof war.

Alt und Jung: links alte verwitterte Grabsteine; rechts der Kinderfriedhof
Alt und Jung: links alte verwitterte Grabsteine; rechts der Kinderfriedhof

Für die zweite Dialogrunde stellte das Projektteam uns die Frage: «Welche Ideen und Bilder haben wir für die Zukunft der Zürcher Friedhöfe?» Wie schon beim ersten Dialog wurde schnell klar, dass die grosse Mehrheit der Teilnehmenden eine sehr genaue Vorstellung davon hat, wie ein Friedhof aussehen sollte und wie er sich weiter­ent­wickeln könnte. Ich war erleichtert, dass nur wenige Vorschläge dabei waren, die ich persönlich für einen Friedhof für nicht angebracht oder sinnvoll halte, z.B. Kinder­spiel­plätze, Cafés oder Jogging­mög­lich­kei­ten. Die Datei mit den Ergebnissen aller drei Dialoge kann hier heruntergeladen werden.

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, auf alle Punkte einzugehen. Des­halb möchte ich nur ein paar Bei­spie­le erwähnen. Der Begriff «Friedhof» wird oft mit Sterben und Trauer assoziiert. Dabei deutet das Wort selbst auf einen besonderen Ort hin, an dem Frieden herrscht bzw. herr­schen sollte. Mir hat auch die alter­na­tive Bezeichnung «eingefrie­de­ter Andersort» als Gegenpol zur lauten und umtriebigen Stadt gut gefallen. Lärm und Konsum sollen draussen bleiben. Auch eine «visuelle Ruhe» wurde angemahnt, was sich u.a. gegen das Joggen, Spielen oder Fahr­rad­fahr­en richtet.

Der Torbogen von Sihlfeld D
Der Torbogen von Sihlfeld D

Margit Feurer, Vertreterin des Quartier­vereins Kreis 1, erzählte von ihrem länge­ren Aufenthalt in Kyoto. In dieser wuse­li­gen japanischen Stadt empfand sie es als wohl­tu­end, dass es im Zen­trum auch stille, fried­liche und ge­schmack­­voll angelegte japani­sche Gärten gab. In diese konnte man sich zurückziehen, sei es, um sich zu ent­span­nen, zu meditieren, zu beten oder sich zu besinnen. Im Kreis 1 gibt es keinen städti­schen Friedhof. Auch sonst wird es Margit Feurer schwer haben, in ihrem Quartier eine «Insel der Ruhe» zu finden. Selbst japanische Touristen denken auf dem Linden­hof nicht an «Shinrin-yoku» (Wald­baden) und im ehemaligen Friedhof St. Anna­­hof lässt es sich zwischen den Coop-Regalen nur schlecht meditieren.

André Ducry von «BirdLife» wies darauf hin, dass Friedhöfe auch geschützte Bio­to­pe für sel­tene Tiere sind und bleiben sollten. Er drückte die Hoff­nung aus, den auf der Roten Liste als NT (near threadened = potentiell gefährdet) Gartenrotschwanz bald im Sihlfeld beobachten zu können. Die Bedeutung der Friedhöfe für die Förderung der Biodiversität wurde mehr­fach betont. Das gilt allerdings nur für Tiere bis zu einer bestimmten Grösse. Fuchs, Dachs und Reh sind auf einem Friedhof beispielsweise un­er­wünscht. Er soll also kein Ort werden, an dem sich Fuchs und Has Gute Nacht wünschen.

Die Idee eines konsumfreien Andersorts ist sehr beliebt.
Die Idee eines konsumfreien Andersorts ist sehr beliebt.

In der dritten Dialogrunde wurden schliess­lich die wichtigsten Em­pfeh­lungen für die Weiter­ent­wicklung der Zürcher Friedhöfe zusammengetragen und darüber abge­stimmt. Erfreulich war, dass sich die Mehr­heit der Teil­nehm­enden für die Entwick­lung eines konsumarmen «Andersorts» aus­spra­chen. Dass die Friedhöfe als grüne Oasen nicht nur für die Bio­di­ver­si­tät, sondern auch für das Stadt­klima und die Klima­ziele der Stadt wichtig sind und in dieser Hinsicht weiter entwickelt werden sollen, dürfte niemanden stören.

Auf die Empfehlung zum Abbau von mentalen und physischen Zugangs­barrieren möchte ich näher eingehen. Menschen mit Gehproblemen und/ oder im Rollstuhl wird es bei­spiels­weise durch Kieswege oder Treppen erschwert, sich auf Fried­höfen fort­zu­be­weg­en. Eine Seniorin an meinem Tisch beschwerte sich über eine schwere Eisentür, die sie nicht alleine öffnen oder schliessen kann. Kinder, junge Leute und Men­schen aus anderen Kulturkreisen sind dagegen eher von mentalen Zugangsbarrieren be­trof­fen. Einer­seits wissen sie mög­licher­weise nicht, wie sie sich verhalten sollen, an­de­rer­seits haben vor allem die jungen Leute sich vielleicht noch nie ernsthaft mit dem Sterben und dem Tod aus­ein­an­der­ge­setzt und haben deshalb ein Ver­ständnis­prob­lem.

Vorstellung der wichtigsten Empfehlungen
Vorstellung der wichtigsten Empfehlungen

Viele Stakeholder sehen den Friedhof Sihlfeld als einen Ort mit einer Son­der­rol­le, für den eine individuelle Ent­wick­lung antizipiert wird. Meiner Meinung nach ist er der perfekte Ort, um weitere Kulturangebote zu schaf­fen, bei­spiels­wei­se durch den Ausbau des Skulp­turen­parks, der Anlegung eines natürlichen Labyrinths oder durch Ver­an­stal­tun­gen wie klassische Kon­zer­te. Ansons­ten sollte der Park mit seiner Natur sowie den alten Gräbern, Ge­bäu­den und Denk­mälern in seinem jetzigen Zustand erhalten bleiben.

Die ehemalige Bundesrichterin Brigitte Pfiffner wies mich ausdrücklich darauf hin, dass der Friedhof Sihl­feld «in seiner Gesamt­heit» ein Kulturgut und Garten­denkmal von kan­to­na­ler und na­tio­na­ler Bedeutung ist. Für Zweck- oder Nutzungs­änderungen gibt es somit einen engen ge­setz­li­chen Rahm­en, der für das Projekt be­rück­sich­tigt werden muss. Än­de­run­gen, die die Ruhe und die Natur des Geländes be­ein­­träch­­ti­­gen würden, wären also höchst­­wahr­­schein­­lich nicht ge­setz­es­kon­form. Zudem ergibt es auch keinen Sinn, Angebote auf dem Fried­hofs­areal zu schaffen, die es in der Umgebung bereits gibt oder die mit diesen in Kon­kur­renz stehen, wie bei­spielsweise Cafés, Spielplätze oder Pick­nick­mög­lich­kei­ten à la Kollerwiese, Ämt­ler­an­la­ge oder Fritschiwiese.

Das Grab von Henry Dunant
Das Grab von Henry Dunant

Der Idee, Zonen mit unter­schied­lichen Verhaltens­regeln einzuführen, standen einige Teil­nehmende – mich ein­ge­schlos­­sen – sehr skeptisch gegen­über. Mehr Regeln bedeu­ten mehr Büro­kratie und Verwirrung für die Be­such­er­in­nen und Besucher. Wenn nicht einmal die aktuellen Regeln durchgesetzt wer­den, wie soll das in Zukunft mit noch mehr Vor­­schrif­­ten garantiert werden? Bei zu vielen Regeln sind dann auch die ins Spiel gebrachten «Friedhof-Ranger», die die Leute auf die Vor­ga­ben aufmerksam machen sollen, schnell überfordert. Grund­sätzlich begrüs­se ich aber die Idee von Fried­hof-Rangern durchaus, wie meine diese Woche ge­mach­ten Erfahrungen ver­an­schau­li­chen.

Letzten Mittwoch Nachmittag spazierte ich durch die von der frühherbstlichen Sonne durchfluteten Anlagen des Fried­hofs Sihl­feld. Nach wenigen Minuten überholte mich eine Person auf einem Trottinet. Ich war so über­rascht, dass ich nicht recht­zeitig reagieren konnte. Als ich später das Grab von Henry Dunant betrachtete und mich gerade umdrehte, kam ein jugendlicher Töff­fahrer aus einem Kies­weg des Fried­hofs gefahren. Ich überlegte kurz, ob ich ihn anhalten und auf das Fahr­ver­bot aufmerksam machen sollte, zö­ger­te jedoch eine Sekunde zu lange und schon war er weg. Nachdem ich das Krematorium begutachtet hatte und wieder auf dem Weg ans andere Ende des Friedhofs war, sah ich einen jungen Mann hinter einem Baum gehen. Es war offen­­sichtlich, was er vor­hatte. Jetzt war meine Zivilcourage endgültig ge­weckt und ich sprach ihn an. Wie zu erwarten, antwortete er unfreundlich, brach sein Vor­ha­ben aber ab und trottete Richtung Ausgang davon.

Das Krematorium in Sihlfeld D
Das Krematorium in Sihlfeld D

In der Vergangenheit sind noch viel schlim­mere Vorfälle passiert, über die der Quar­tier­verein Wiedikon seit dem Frühjahr 2020 regelmässig berichtet hat. (ausführlich am 8. Oktober 2024). Die Geschichte zeigt, dass selbst die klarsten Regeln nichts nützen, wenn man nicht dafür sorgt, dass sie auch eingehalten werden. Mit dem Auf­stel­len der Hinweisschilder im Frühjahr hat die Stadt einen ersten Schritt in die rich­ti­ge Richtung gemacht, der im Quartier auch gut ankam. Die Ein­füh­rung von «Friedhof-Rangern» wäre mög­lich­er­­wei­se eine weitere sinn­volle Massnahme.

Ich persönlich betrachte das Projekt «Zukunft Zürcher Friedhöfe» positiv und werde weiterhin auf der Webseite des Quartiervereins darüber berichten. Ab dem 26. Oktober 2026 kann die Stadtbevölker­ung ihre Ideen und Anliegen über das Online-Portal des Projekts einbringen. Am Samstag, den 14. November 2026, bietet die Stadt im Zuge des Projekts dann von 9.00 bis 11.30 Uhr eine Führung durch den Friedhof Sihlfeld an (Anmeldung erforder­lich). Alle, denen der Friedhof am Herzen liegt, sollten sich aktiv an der Diskussion beteiligen.


Text und Bilder: Andreas Schenzle

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