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Was soll aus unserem Friedhof Sihlfeld werden? [2]

Andreas Schenzle
vor 2 Minuten
5 Min. Lesezeit

Dies ist der zweite Teilbericht zum städtischen Projekt «Zukunft Zürcher Friedhöfe». Im ersten Teil wurde das Projekt vorgestellt und mit der Berichterstattung über den Auftakt-Workshop am 19. September begonnen. Die Stakeholder, die bei der Veranstaltung waren, haben diese Woche die Ergebnisse und Auswertungen der Diskussionen erhal­ten. Aber bleiben wir zunächst bei der Chronologie des Workshops.

Der Stadtpräsident macht die Friedhöfe zur Chefsache
Der Stadtpräsident macht die Friedhöfe zur Chefsache

Nach der Kaffeepause ging Raphael Golta in seiner Rede noch einmal auf den aktuel­len Zustand sowie den Trend zu nicht mehr benötigten Grabfeldern bzw. zu insgesamt überdimensionierten Friedhofsflächen ein. Wiedikon ist mit zwei Friedhöfen (Sihlfeld und Üetliberg) gesegnet. In einer Stadt wie Zürich, die unter chronischem Flächen­mangel leidet, weckt das frei gewordene Land der Friedhöfe natürlich Begehrlich­keiten. Vor allem der Fried-hof Sihlfeld mit seiner zentralen Lage und Grösse wird voraussichtlich signifikante Veränderungen erfahren.

Für eine Zukunftsvis­ion hat sich Ra­phael Gol­ta von Bei­spielen aus an­deren Städ­ten inspirie­ren las­sen (Fo­lie 41). Eine Stadt be­treibt auf ihrem Fried­hof ein Café. Es wur­de auch schon eine grosszü­gige Parklands­chaft mit Denkmä­lern und Mu­seen realis­iert. Wo­anders wer­den Friedhöf­e zuneh­mend für (Kunst)-Ausstel­lungen und an­dere Veran­stal­t­ungen ge­nutzt. Die letz­ten bei­den Bei­spiele lie­gen gar nicht so weit von der Reali­tät des Fried­hofs Sihl­feld ent­fernt.

Eine wei­teres vom Stadtpräsid­enten erwähn­tes Bei­spiel be­traf den Wie­ner Zentral­friedhof, wo eine Bewegungsa­rena für «Si­lent Runs» einge­richtet ist. In diesem Zusammenhang äus­serte Robert Peterhans von «Züri Rännt» in einem persönlichen Gespräch, dass er noch nie auf die Idee gekommen sei, auf Friedhöfen zu laufen, da Zürich über eine grosse Auswahl an geeigneten Strecken verfüge. Zum Abschluss seines Vortrags zeigte Raphael Golta dasselbe Bild mit Radweg und Federballspiel wie zuvor Pascal Ziesack. Es erinnert sehr an das Schicksal der Fritschiwiese, die früher einmal ein Friedhof war.

Alt und Jung: links alte verwitterte Grabsteine, rechts der Kinderfriedhof
Alt und Jung: links alte verwitterte Grabsteine, rechts der Kinderfriedhof

Für die zweite Dialogrunde stellte das Projektteam uns die Frage: «Welche Ideen und Bilder haben wir für die Zukunft der Zürcher Friedhöfe?» Wie schon beim ersten Dialog wurde schnell klar, dass die grosse Mehrheit der Teilnehmenden eine sehr genaue Vorstellung davon hat, wie ein Friedhof aussehen sollte und wie er sich weiterentwickeln könnte. Ich war erleichtert, dass nur wenige Vorschläge dabei waren, die ich persönlich für einen Friedhof für nicht angebracht oder sinnvoll halte, z.B. Kinderspielplätze, Cafés oder Jogging­möglichkeiten. Die Datei mit den Ergebnissen aller drei Dialoge kann hier heruntergeladen werden.

Um auf alle Punkte einzugehen, würde es den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Deshalb möchte ich nur ein paar Beispiele erwähnen. Der Begriff «Friedhof» wird oft mit Sterben und Trauer assoziiert. Dabei deutet das Wort selbst auf einen besonderen Ort hin, an dem Frieden herrscht bzw. herrschen sollte. Mir hat auch die alternative Bezeichnung «eingefrie­deter Andersort» als Gegenpol zur lauten und umtriebigen Stadt gut gefallen. Lärm und Konsum sollen draussen bleiben. Auch eine «visuelle Ruhe» wurde angemahnt, was sich u.a. gegen das Joggen, Spielen oder Fahrradfahren richtet.

Der Torbogen von Sihlfeld D
Der Torbogen von Sihlfeld D

Margit Feurer, Vertreterin des Quartier­vereins Kreis 1, erzählte von ihrem längeren Aufenthalt in Kyoto. In dieser wussligen japanischen Stadt empfand sie es als wohltuend, dass es im Zentrum auch stille, friedliche und geschmackvoll gepflegte japanische Gärten gab. In diese konnte man sich zurückziehen, sei es, um sich zu entspannen, zu meditieren, zu beten oder sich zu besinnen. Im Kreis 1 gibt es keinen städtischen Friedhof. Auch sonst wird es Margit Feurer schwer haben, in ihrem Quartier eine «Insel der Ruhe» zu finden. Selbst japanische Touristen denken auf dem Lindenhof nicht an «Shinrin-yoku» (Waldbaden) und im ehemaligen Friedhof St. Annahof lässt es sich zwischen den Coop-Regalen nur schlecht meditieren.

André Ducry von «Birdlife» wies darauf hin, dass Friedhöfe auch geschützte Biotope für sel­tene Tiere sind und bleiben sollten. Er drückte die Hoffnung aus, den vom Aussterben bedrohten Gartenrotschwanz bald im Sihlfeld beobachten zu können. Die Bedeutung der Friedhöfen für die Förderung der Biodiversität wurde mehrfach betont. Das gilt allerdings nur für Tiere bis zu einer bestimmten Grösse. Fuchs, Dachs und Reh sind auf einem Friedhof beispielsweise unerwünscht. Er soll also kein Ort werden, an dem sich Fuchs und Has Gute Nacht wünschen.

Die Idee eines konsumfreien Andersort ist sehr beliebt.
Die Idee eines konsumfreien Andersort ist sehr beliebt.

In der dritten Dialogrunde wurden schliess­lich die wichtigsten Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Zürcher Friedhöfe zusammengetragen und darüber abge­stimmt. Erfreulich war, dass sich die Mehr­heit der Teilnehmenden für die Entwick­lung eines konsumarmen «Andersort» aussprachen. Dass die Friedhöfe als grüne Oasen nicht nur für die Biodiversität, sondern auch für das Stadtklima und die Klimaziele der Stadt wichtig sind und in dieser Hinsicht weiter entwickelt werden sollen, dürfte niemanden wundern.

Auf die Empfehlung zum Abbau von mentalen und physischen Zugangs­barrieren möchte ich näher eingehen. Menschen mit Gehproblemen und/oder im Rollstuhl wird es beispielsweise durch Kieswege oder Treppen erschwert sich auf Friedhöfen fortzubewegen. Eine Seniorin an meinem Tisch beschwerte sich über eine schwere Eisentür, die sie nicht alleine öffnen oder schliessen kann. Kinder, junge Leute und Menschen aus anderen Kulturkreisen sind dagegen eher von mentalen Zugangsbarrieren betroffen. Einer­seits wissen sie möglicherweise nicht, wie sie sich verhalten sollen, andererseits haben vor allem die jungen Leute sich vielleicht noch nie ernsthaft mit dem Tod auseinandergesetzt und haben deshalb ein Verständnisproblem.

Vorstellung der wichtigsten Empfehlungen
Vorstellung der wichtigsten Empfehlungen

Viele Stakeholder sehen den Friedhof Sihlfeld als einen Ort mit einer Sonderrolle, für den eine individuelle Entwicklung antizipiert wird. Meiner Meinung nach ist er der perfekte Ort, um weitere Kulturangebote zu schaffen, beispielsweise in Form eines Museums, durch den Ausbau des Skulpturenparks oder durch Veranstaltungen wie klassische Konzerte. Ansons­ten sollte der Park mit seiner Natur sowie den alten Gräbern, Gebäuden und Denkmälern in seinem jetzigen Zustand erhalten bleiben.

Es wäre ein Fehler, auf dem Friedhof Sihlfeld Angebote einzuführen, die die Ruhe und die Natur des Geländes beeinträchtigen würden. Zudem sollten keine Angebote geschaffen werden, die bereits in der Umgebung vorhanden sind oder mit diesen in Konkurrenz stehen, wie beispielsweise Cafés, Spielplätze oder Picknickmöglichkeiten à la Sihlhölzli, Kollerwiese oder Fritschiwiese.

Das Grab von Henry Dunant
Das Grab von Henry Dunant

Der Idee, Zonen mit unterschiedlichen Regeln einzuführen, standen einige Teil­nehmende – mich eingeschlossen – sehr skeptisch gegenüber. Mehr Regeln bedeu­ten mehr Bürokratie und Verwirrung für die Besucherinnen und Besucher. Wenn nicht einmal die aktuellen Regeln von allen befolgt werden, wie soll das in Zukunft mit noch mehr Vorschriften garantiert werden? Bei zu vielen Regeln sind dann auch die möglichen «Friedhof-Ranger», die die Leute auf die Regeln aufmerksam machen sollen, schnell überfordert. Grundsätzlich begrüsse ich aber die Idee von Friedhof-Rangern durchaus, wie meine diese Woche gemachten Erfahrungen veranschaulichen.

Letzten Mittwoch Nachmittag spazierte ich durch die von der frühherbstlichen Sonne durchfluteten Anlagen des Friedhofs Sihlfeld. Nach wenigen Minuten überholte mich eine Person auf einem Trottinet. Ich war so überrascht, dass ich nicht rechtzeitig reagieren konnte. Als ich später das Grab von Henry Dunant betrachtete und mich gerade umdrehte, kam ein jugendlicher Töfffahrer aus einem Kiesweg des Friedhofs gefahren. Ich überlegte kurz, ob ich ihn anhalten und auf das Fahrverbot aufmerksam machen sollte, zögerte jedoch eine Sekunde zu lange und schon war er weg. Nachdem ich das Krematoriumgebäude begutachtet hatte und wieder auf dem Weg ans andere Ende des Friedhofs war, sah ich einen jungen Mann hinter einem Baum gehen. Es war offen­sichtlich, was er vorhatte. Jetzt war meine Zivilcourage endgültig geweckt und ich sprach ihn an. Wie zu erwarten, antwortete er unfreundlich, brach sein Vorhaben aber ab und trottete Richtung Ausgang davon.

Das Krematorium in Sihlfeld D
Das Krematorium in Sihlfeld D

In der Vergangenheit sind noch viel schlimmere Vorfälle passiert, über die der Quartierverein Wiedikon seit dem Frühjahr 2020 bis im Juni 2026 regelmässig berichtet hat. (ausführlich am 8. Oktober 2024). Die Geschichte zeigt, dass selbst die klarsten Regeln nichts nützen, wenn man nicht dafür sorgt, dass sie auch eingehalten werden. Mit dem Aufstellen der Hinweisschilder im Frühjahr hat die Stadt einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht, der im Quartier auch gut ankam. Die Einführung von «Friedhof-Rangern» wäre möglicher­weise eine weitere sinnvolle Massnahme.

Ich persönlich betrachte auch das Projekt «Zukunft Zürcher Friedhöfe» positiv und werde weiterhin auf der Webseite des Quartiervereins darüber berichten. Ab dem 26. Oktober 2026 kann die Stadtbevölker­ung ihre Ideen und Anliegen über das Online-Portal des Projekts einbringen. Am Samstag, dem 14. November 2026, bietet die Stadt im Zuge des Projekts dann von 9.00 bis 11.30 Uhr eine Führung durch den Friedhof Sihlfeld an (Anmeldung erforder­lich). Alle, denen der Friedhof am Herzen liegt, sollten sich aktiv an der Diskussion beteiligen.

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