Frühlingsbesuch auf dem Friedhof Sihlfeld
- Rauber Urs (externer Autor)
- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen

Kürzlicher Besuch auf dem Friedhof Sihlfeld. Dieser bildet den grössten Friedhof und die grösste zusammenhängende Grünfläche in der Stadt Zürich. Ein wunderschöner erholsamer Park, eine stille Oase und ein Ort der Totenruhe, dem von den allermeisten Besuchern grosser Respekt entgegengebracht wird. Das gebietet schon der Denkmalschutz, dem er unterstellt ist.

An diesem sonnigen Vormittag bin ich etlichen Menschen begegnet. Eltern und Grossmüttern mit Kinderwagen. Spaziergängern, miteinander ins Gespräch vertieft oder auf einem Bänkli sitzend. Sechs oder sieben Velofahrerinnen. Zwei überholen mich, eine davon eine Mitarbeiterin von Grün Stadt Zürich (GSZ), erkennbar an ihrer grünen Arbeitsuniform. Leider war ich zu wenig geistesgegenwärtig, um sie anzusprechen – denn Fahrradfahren ist im Friedhof verboten. Zwei Frauen stossen ihr Rad von Hand. Warum sie das täten, frage ich sie. «Weil ich auf dem Friedhof nie Velo fahre». Die zweite antwortet, sie habe die Empfehlungstafel «So geht Friedhof» gelesen.

Tatsächlich stehen seit letztem Herbst fünf solche Tafeln verteilt auf dem ganzen Friedhof. Über den Winter wurden sie zwar entfernt, doch seit Februar 2026 stehen sie wieder dort, «auf Wunsch von Anwohner*innen». So erklärt es uns Yannick Landolt, der Leiter des Bestattungs- und Friedhofamts der Stadt Zürich. «Das Echo auf diese Tafeln war mehrheitlich positiv.»
Wie geht denn nun Friedhof? Fünf Piktogramme zeigen, was erlaubt ist und was nicht:
Sonnenbad aber angezogen (auf der Sitzbank)
Spazieren statt joggen
Hunde warten draussen
(Velo und Roller) Schieben statt fahren
Auf Trauernde Rücksicht nehmen
Zusätzlich verdeutlichen winzige Icons, was gemeint ist: kein Lärm (Zeigefinger auf dem Mund). Oder kein Tempo (Schildkröte) beim Spazieren und Velostossen. Und damit’s auch Migrantinnen aus muslimisch geprägten Ländern verstehen, trägt die Velofahrerin – in unserer Stadt politisch korrekt – einen Hidschab (Kopftuch).

Die Aufstellung dieser Tafeln ist positiv zu bewerten. Natürlich sind die Verhaltensempfehlungen sehr zurückhaltend formuliert und in kindergerechter Form dargestellt. Verbote getraut man sich in Zürich kaum mehr auszusprechen. Wieso eigentlich? Beim Strassenverkehr zum Beispiel existieren Regeln und Verbote, keine Empfehlungen. Doch der Fairness halber sei festgehalten, dass die Stadt nun endlich den lang geäusserten Wünschen von Friedhofsbesuchern und Trauernden Rechnung trägt. Besser spät als nie.
«Die Aufstellung dieser Tafeln ist positiv zu bewerten.» Urs Rauber (ehemaliger Präsident des Quartiervereins)
Der Quartierverein hat die Leidensgeschichte des Friedhofs Sihlfeld seit dem Frühjahr 2020 bis im Januar 2025 immer wieder dokumentiert (zuletzt ausführlich am 8. Oktober 2024).

Bedauerlich ist, dass im Gegenzug die langen weissen Fahnen mit dem Text «Ihre Grabsteine sind verschwunden, nicht aber ihre Körper» nicht mehr im Wind wehen. Gemäss Auskunft von Friedhofs-Chef Landolt sind einzelne aufgrund ihres schlechten Zustands entfernt worden. Die neuen Schrifttafeln zu den aufgehobenen Grabfeldern dagegen handeln von Biodiversität, vom «Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume» und von der «Vielfalt auf kleinem Raum». Leider wird mit keinem Wort mehr an die Menschen erinnert, deren Körper hier bestattet wurden.
Einige neue violette Tafeln erinnern an prominente Verstorbene, an Gemeinschaftsgräber, an eine Ruhestätte für queere Menschen. Weitaus wortreicher sind jedoch Tafeln zu Nistgebieten für Vögel, für einen Fuchsbau und Frösche, die sogar selbst für ihren Schutz werben.

Mir fällt auf: Fast an alle Lebewesen denkt man, aber kaum an die Angehörigen von Verstorbenen. Tröstlich immerhin, diese Menschen halten sich auch ohne mahnende Tafeln an Anstands- und Respektregeln.
Text und Bilder: Urs Rauber







