Eruv sorgt für gute Stimmung in Wiedikon
- Schenzle Andreas (Externer Autor)
- vor 4 Tagen
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Am Ostersamstag war in Wiedikon Verwunderliches zu beobachten: ganze Familien, die mit Kinderwagen und Handtaschen in Feststaat überall in der Öffentlichkeit unterwegs waren. Das Wetter war herrlich; war das für solche Bedingungen nicht ein «normaler» Anblick? Nicht, wenn man weiss, dass die betreffenden Familien jüdisch-orthodox waren und der Tag ein Samstag, nicht ein Sonntag war.
Etwas zu tragen oder zu transportieren ist nämlich eines der 39 Melachot (Tätigkeits-bereiche), die nach jüdischem Recht während des Schabbats (Ruhetag am Samstag) verboten sind. Es war also tatsächlich ein Wunder. Wie kommt es, dass orthodoxe Gläubige, die am akribischsten dem Gebot, den Tag zu heiligen, folgen, die kultische Begehung scheinbar missachteten? Indem sie auf diese Tätigkeit nicht verzichteten und den Bekenntnisakt, den Schabbat einzuhalten, nicht ausführten? Die Antwort ist einfach: Zürich hat jetzt einen Eruv!

Handkolorierter Stich von Friedrich Campe, Deutschland um 1800: Traditionell gekleidete jüdische Gemeinschaft vor einer Synagoge in Fürth an einem Schabbat. | Von Friedrich Campe - Jewish Art, edited by Grace Cohen Grossman, ISBN 0-88363-695-6, p. 172., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41076
Ein Eruv ist eine Abgrenzung, die eine jüdische Wohngegend einkreist und sie dabei symbolisch erweitert. Innerhalb des Eruvs ist man als befolgender Jude von manchen Schabbatregeln, wie zum Beispiel das Tragen (mit bestimmten Ausnahmen) ausserhalb des Hauses ausgenommen.
«Gedenke des Schabbats: Halte ihn heilig!» Zitat aus dem Schemot
Wir haben im Mai 2022 über den damals noch in Planung befindlichen Eruv berichtet: «Ein Nylonfaden in Wiedikon, der verbindet» (https://www.quartierverein-wiedikon.ch/post/ein-nylonfaden-in-wiedikon-der-verbindet). Zu diesem Zeitpunkt stand die Gruppe von Startup-Investor Cédric Bollag von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), der mit Unter-stützung aller jüdischen Gemeinden in Zürich und mit dem Segen der Stadt, das Projekt Eruv initiiert hat, kurz vor dem Einreichen des Baugesuches. Seither hat sie die Baubewillig-ung erhalten und die durch die jüdische Gemeinde und Privatspenden finanzierte Realisier-ung durchgeführt.
Letzten Winter ist der Eruv somit Wirklichkeit geworden, und am 27. Dezember 2025 hielt die jüdische Gemeinde ihren ersten Schabbat nach Fertigstellung des Projektes ab.

Der Eruv ist 18 Kilometer lang. Er reicht vom Hauptbahnhof bis zur Duttweilerbrücke, von dort nach Albisrieden, dem Triemlispital bis Wollishofen, danach entlang dem Zürichsee bis zur Limmat und zum Hauptbahnhof. Das Areal umschliesst eine Fläche von 14 Quadrat-kilometern und damit das Wohngebiet von 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Stadt Zürich.
Wenn jemand diesen Perimeter bisher nicht wahrgenommen hat, ist dies völlig normal: Nur etwa 500 Meter der ganzen Länge mussten neu markiert werden, und dies äusserst diskret, mit Pfosten oder in der Luft gespannten dünnen Drähten oder Nylonfäden, die Uneinge-weihte mit Telefonleitungen verwechseln würden. Der Rest der Begrenzung (Mauern, Zäune, Hänge, Gruben, Gebäudeecken und ähnliches) war schon vorhanden und musste nur umge-deutet werden. Der Eruv hat also fast nichts am Stadtbild geändert. Für seine Aufrechter-haltung prüft ein engagiertes Team unter rabbinischer Aufsicht jeden Donnerstag den ganzen Eruv, nimmt alle notwendige Reparaturen vor und informiert die Bevölkerung lau-fend über seinen Status (siehe Link am Artikelende).

Und was denken die Betrof-fenen darüber? Wir haben Einige angesprochen. Zuerst ein orthodoxes Ehepaar, das mit Baby im Kinderwagen an der Manessestrasse im Sihl-hölzli unterwegs war. Der Mann antwortete: «Wir dürfen jetzt samstags als Familie zu-sammen nach draussen gehen.
Einfach ausgehen!» An der Weststrasse beim Aegerten-park sprudelte eine junge Mutter, die ebenfalls mit Kleinkind im Kinderwagen unterwegs war: «Seit der Eruv vollendet ist, ist die psychische Belastung am Wochenende deutlich geringer. Jetzt müssen wir nicht mehr viel im Voraus planen und können einfach das tun, was wir an jedem anderen Tag gern machen: mit der Familie zusammen ausgehen.

Leute im Rollstuhl dürfen ebenfalls dabei sein. Und den Kuchen müssen wir nicht mehr am Vortag zur Oma bringen.» Auch die Handtaschen dürfe man einfach mitnehmen. Die Erleichterung ist handgreiflich zu spüren. «Der Eruv hat das Organisatorische vereinfacht!»
«Seit der Eruv vollendet ist, ist die psychische Belastung am Wochenende deutlich geringer.» Zitat einer Mutter aus der jüdischen Gemeinde

Der Eruv ist also eine sehr besondere Grenze. Für die Nicht-Betroffenen ist er unsichtbar. Für die Angesproche-nen aber erleichtert er das Schabbat-Leben und ermöglicht Familien, sich frei in der Stadt in einer viel entspann-teren Atmosphäre zu bewegen und mehr am Quartierleben teilzunehm-en. Die Freude in der jüdischen Ge-meinde ist gross. Auch andere Wiedi-kerinnen und Wiediker ohne Religi-onsbezug profitieren davon. Unter anderem deshalb, weil die Strassen und Parks jetzt samstags bunter und belebter sind als früher.
Mehr zum Eruv, inklusive Karte: https://eruv.ch/
Autorin: Jeanne Rasata | Mai 2026
