Das Kafi Ferdinand/ So geht Bedienung
- Andreas Schenzle
- vor 13 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Am 24. Juni diesen Jahres hat der Tagesanzeiger einen wunderbar geschriebenen Artikel über die Kultkellnerin Sylvia Schulter vom Kafi Ferdinand veröffentlicht:
Der ehemalige Präsident des Quartiervereins und pfiffige Journalist Urs Rauber trug mir die Idee an, den Tagi-Artikel zum Anlass zu nehmen und einen Folgeartikel über das Kafi und Sylvia Schulter auf der QV-Webseite zu veröffentlichen. Er wollte mir damit natürlich einen Gefallen tun, denn es ist offensichtlich wesentlich weniger aufwendig, einen neuen Artikel auf Basis eines bereits geschriebenen zu erarbeiten. Der Folgeartikel sollte also als eine Art Lückenbüsser dienen, falls es einmal zeitlich knapp wird, um etwas komplett Neues zu schreiben.
Hilft KI bei einer Schreibblockade?
Ich mochte diese Idee eigentlich nicht, aber willigte schliesslich aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen trotzdem ein. Zunächst wollte ich es mir noch einfacher machen, und KI einsetzen, um das Original aus dem Tagi zusammenzufassen:
Das Resultat hat mich eher entmutigt als vorwärts gebracht. «So etwas Schlechtes kann ich nicht bringen», dachte ich mir, «aber was soll ich jetzt tun?» Natürlich wollte ich auch kein Plagiat erstellen. Dann fing ich einfach einmal an zu schreiben, und was wie ein neuer Artikel anfängt, entwickelte sich schliesslich zu einem Blog:
Nicht im Ausgehviertel, nicht hip und nicht gehoben
Wiedikon bietet seinen Bürgern eine grosse Auswahl von Cafés, Restaurants und Beizen. Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, sie alle einmal besucht zu haben, was für die allermeisten Leute auch kein Ziel sein dürfte. Zu unterschiedlich sind ihre Vorzüge, Geschmäcker und Gewohnheiten.

Hier geht es um das Kafi Ferdinand, das an der Ecke Birmensdorferstrasse-Gutstrasse lokalisiert ist. Diese ist Teil der grossen Strassenkreuzung, die auch die Einmündungen der Strassen Bertastrasse und Talwiesenstrasse mit einschliesst. Die Tramhaltestelle Talwiesenstrasse liegt unmittelbar oberhalb der Kreuzung. Genau vor dem Kafi befindet sich ein kleiner Platz mit schattenspendenden Bäumen, dem sogenannten Gutstrassen-Brunnen, und einigen Parkbänken, die zum Verweilen einladen. Für das Kafi ist dieser Platz Gold wert, denn es darf ihn als Aussenbereich zur Bewirtschaftung nutzen. Gerade bei einem Sommer wie diesem wirkt dieser besonders attraktiv, und wird entsprechend rege genutzt.

Das Kafi Ferdinand liegt nicht im Ausgehviertel von Wiedikon, und stellt überhaupt nicht den Anspruch, hip oder gehoben zu sein. Der Innenraum ist mit bequemen, unaufdringlichem Mobiliar und zeitloser Kunst eingerichtet. Nur Kunstbanausen würden annehmen, dass es sich bei den Gemälden an der Wand um Werke von Ferdinand Hodler, nach dem das Kafi benannt wurde, oder um Kopien davon handelt. Tatsächlich wirken die Räumlichkeiten authentisch und gut an die Gäste angepasst. Bei diesen handelt es sich überwiegend um Menschen im oder nahe dem Pensionsalter, die in der unmittelbaren Umgebung wohnen und einfach nur zu einem vertretbaren Preis gut trinken und speisen sowie einen netten Plausch haben wollen.
Ausgezeichneter Cappuccino
Über die Küche habe ich mich zunächst im Internet schlau gemacht. Im Restaurant Guru heisst es unter anderem, dass die Schweizer Küche hier gut sei, und es wurde sogar über ein perfekt zubereitetes amerikanisches Filet geschrieben. Ausserdem soll ein guter Cappuccino angeboten werden. Auch im Tripadvisor wird explizit der Cappuccino gelobt und auch das Frühstücksangebot im allgemeinen. Erstaunt las ich aber auch von sehr gut bewerteten, hausgemachten türkischen Mahlzeiten.
An einem sonnigen Morgen (diesen Sommer eher die Regel als eine Ausnahme) vor gut einer Woche besuchte ich zum allerersten Mal das Kafi Ferdinand. Schon von Ferne erkannte ich Sylvia Schulter auf dem Platz vor dem Kafi beim Bedienen. Ich setzte mich an einen freien Tisch im Schatten, und innerhalb von Sekunden stand sie da, begrüsste mich freundlich und fragte nach meinem Wunsch. «Der Cappuccino soll bei euch hervorragend sein. Gibts den auch vegan?», fragte ich. «Nein», sagte sie spontan, «vegan gibts den bei uns nicht», stutzte dann aber kurz und fuhr fort: «Aber wir machen den auch mit Hafermilch. Das ist vegan, oder?» Ich musste spontan lachen und antwortete: «Perfekt, den nehme ich.»
Keine zwei Minuten später stand der Cappuccino vor meiner Nase. Ich schlurfte an ihm genüsslich, während ich dem Treiben im Kafi und auf dem Platz zuschaute. Die meisten Tische und Parkbänke auf dem Platz waren besetzt, während ich drinnen keinen Gast ausmachte. Kein Wunder - es war schon gegen 11 Uhr und die Temperaturen lagen schon wieder um die 30°C im Schatten. Der Cappuccino schmeckte in der Tat ausgezeichnet.

Die Fotogenität der Vorbildkellnerin
Dann gab ich Sylvia Schulter ein Zeichen, und schon war sie da. Nachdem ich bezahlt hatte, stellte ich mich ihr vor, und erklärte, dass ich vom Quartierverein komme und den Artikel im Tagesanzeiger zum Anlass nehme, einen Beitrag über das Kafi für die Webseite des Quartiervereins zu schreiben. Sie freute sich sehr, und fragte, wie sie denn helfen könne. Ich bat nach der Erlaubnis, ein paar Fötelis zu machen. Ausserdem fragte ich sie nach der türkischen Küche. «Ach, die türkische Küche gibt es doch seit dem Umbau des Cafés im Jahr 2016 gar nicht mehr», antwortete sie. Das erklärte natürlich die widersprüchlichen Angaben bei Tripadvisor, und erinnerte mich einmal mehr daran, Informationen aus dem Internet immer kritisch zu hinterfragen.

Also nahm ich die Fötelis auf, wobei ich aus Gründen von Persönlichkeitsrechten und Datenschutz darauf achtete, keine Nahaufnahmen von den Gästen zu machen. Am Schluss bat ich Sylvia Schulter, sich für eine Aufnahme an die Theke zu stellen. Nachdem ich bereits das vierte Mal geknipst hatte, fasste sie mich an den Arm und meinte: «Ich weiss, dass ich nicht fotogen bin.» Das nahm ich zum Anlass, sie ebenfalls am Arm zu fassen und zu erwidern: «Das stimmt doch überhaupt nicht. Ich bin einfach ein schlechter Fotograf.» Das war der Moment, an dem ich eine gewisse Verbindung zwischen uns spürte. Ich bedankte mich bei ihr für ihre Unterstützung und Gastfreundschaft. Dann verabschiedeten wir uns herzlich.
Ob Sylvia Schulter tatsächlich Kult ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich weiss jedoch, dass sie ganz sicher eine sehr freundliche, ehrliche und warmherzige Frau ist, die ihre Arbeit hervorragend erledigt.
Text und Bilder: Andreas Schenzle




