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Das Herz der Quartiere – Zwischen Verbundenheit, Wandel und städtischem Dialog

Matthias Gruic
vor 11 Stunden
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 8 Stunden

Eine persönliche Momentaufnahme über die Aussprache zur neuen Subventions­vereinbarung

Ein Gespräch über Geld, Wertschätzung und Anerkennung

Mehrere Quartiervereine der Stadt Zürich haben die neue Subventions­vereinbarung mit der Stadt bislang nicht unterzeichnet. Zu ihnen gehört auch der Quartierverein Wiedikon. Dessen Mitglieder­ver­samm­lung hat im März 2026 beschlossen, auf eine Unter­zeich­nung der Vereinbarung zu ver­zich­ten. Damit ist eine Diskussion ent­stan­den, die über einzelne Ver­trags­be­stim­mun­gen hinausgeht. Im Kern geht es um das Verhältnis zwischen der Stadt und den Quartier­vereinen, um deren Rolle in der heutigen Ge­sell­schaft und um die Frage, wie eine par­tner­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit künftig gestaltet werden soll. Der neue Stadtpräsident Raphael Golta lud die betroffenen Quartiervereine zu einem Austausch ein. In seiner Einladung würdigte er ihre Bedeutung für die Stadt:

«Die Quartiervereine sind für die Stadt zentrale Partner für die Beziehungen der Stadt zu den Quartieren. Sie bilden eine Brücke zwischen der Bevölkerung und der Stadt. Mit ihrem Engagement stärken sie den gesellschaftlichen Zu­sam­men­halt und tragen dazu bei, dass Zürich lebendig und vielfältig bleibt. Dafür gebührt ihnen Anerken­nung und Respekt.»

Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, gemeinsam einen guten Weg für die weitere Zusammenarbeit zu ebnen.

Als neues Vorstands­mitglied des Quar­tier­ver­eins Wiedikon nahm ich vorerst als Beobachter an dieser Aus­spra­che teil. Ich begleitete unseren Präsidenten Sepp Widler und hatte so Gelegen­heit, die Diskussion aus einer noch relativ neuen Perspektive zu verfolgen.

Wertschätzung als zentrales Anliegen

Zu Beginn überliess der Stadtpräsident den Vertreterinnen und Vertretern der Quartier­vereine das Wort. Es entstand eine Art «Chropfleerete»: Die An­we­sen­den konnten schildern, was sie be­schäf­tigt, wo sie sich un­ver­stan­den fühlen und welche Erwartungen sie an die Stadt haben.

Was mir dabei besonders auffiel, war die emotionale Bedeutung des Them­as. Die Vertreter­innen und Ver­tre­ter stellten ihre ehrenamtliche Arbeit ins Zentrum. Sie berichteten von ihrem Engagement für die Quar­tier­be­völ­ke­rung, von ge­lun­ge­nen Ko­ope­ra­ti­on­en und von ihrem Beitrag zum ge­sell­schaft­lich­en Zu­sam­men­halt. Dabei wurde deutlich, wie viel persön­liche Überzeugung, Sinnhaftigkeit und Herzblut in dieser Arbeit steckt.

Gleichzeitig nahm ich eine klare Er­war­tung an die Stadt wahr: Die ge­leis­­te­­te Arbeit soll gesehen, an­er­kannt und respektiert werden. Wo viel En­ga­ge­ment und persönliche Identi­fikation vorhanden sind, ent­steh­en ver­ständ­lich­er­wei­se auch Er­war­tung­en. Werden diese nicht erfüllt, können Ent­täu­schun­gen folgen. Mein Eindruck war, dass ein Teil der aktuellen Ver­let­zung genau hier liegt – im Ge­fühl, dass die eigene Arbeit und die damit ver­bun­de­ne Bedeutung nicht aus­rei­chend gewürdigt werden.

Diese Wahrnehmung ist nach­voll­zieh­bar. Sie wirft für mich jedoch auch eine weiterführende Frage auf: Wie de­fi­nie­ren die Quartiervereine ihre Rolle heute und wie wollen sie diese in Zukunft ausgestalten?

Ein historisches Selbstverständnis im gesellschaftlichen Wandel

Die Quartiervereine haben eine lange Geschichte. Ihre Entstehung ist eng mit der Entwick­lung Zürichs und den Ein­ge­mein­dun­gen früherer Gemeinden in die Stadt verbunden. Sie entstanden aus dem Bedürfnis, die Interessen der Quartiere zu vertreten, Menschen zusam­men­­zu­brin­gen und das lokale Ge­mein­schafts­le­ben zu fördern.

Auch der Quartierverein Wiedikon beschreibt diesen Anspruch in seinen Statuten. Er will die Interessen des Quartiers vertreten, den Quartiergeist fördern sowie die Quartiertradition und kulturelle Aktivitäten pflegen. Zudem verpflichtet er sich zu politischer und konfes­sioneller Neutralität.

Diese Grundsätze sind mehr als eine formale Beschreibung des Ver­eins­zwecks. Sie sind ein Ver­sprech­en. Sie definieren den Rah­men, innerhalb dessen sich ein Quartierverein bewegt und an dem er sich messen lassen muss.

Doch die Gesellschaft, für die diese Vereine einst gegründet wurden, hat sich grundlegend verändert. Und sie verändert sich weiter. Lebensformen, Kommunikationsgewohnheiten und Erwartungen an gesellschaftliche Teil­ha­be sind im Wandel. Digitale Räume ergänzen oder ersetzen zu­neh­mend tra­di­tion­elle Be­geg­nungs­for­men. Nach­bar­schaft ent­steht heute auf unter­schied­liche Weise – im per­sön­li­chen Gespräch, in Vereinen, über digitale Plattformen oder durch zeitlich begrenztes En­ga­ge­ment für einzelne Anliegen.

Vor diesem Hintergrund scheint es mir wichtig, dass sich auch die Quar­tier­ver­ei­ne regel­mässig selbst hinterfragen: Entsprechen unsere Struk­tu­ren noch den Bedürfnissen der Menschen im Quartier? Erreichen wir unter­schied­liche Altersgruppen und Lebens­re­ali­tä­ten? Und wie muss sich unser Selbstverständnis verändern, damit wir auch künftig eine relevante Rolle spielen können?

Die Frage nach der eigenen Legitimation

Ich beobachte diesen Prozess mit einer gewissen Skepsis und stelle mir dabei auch grund­sätz­liche Fragen zur Le­gi­ti­ma­ti­on eines Quar­tier­ver­eins. Die Mit­glie­derzahlen können ein Hinweis auf die Verankerung im Quartier sein, müssen aber im Verhältnis zur Ein­­wohn­er­­zahl und zur Vielfalt der Be­völ­ke­rung betrachtet werden. Sie allein be­ant­wor­ten nicht die Frage, wie repräsentativ ein Verein für ein ganzes Quartier ist.

Auch die Zusammensetzung der Vorstände verdient einen dif­­fe­­ren­­zier­­ten Blick. Mein Eindruck ist, dass dort häufig eine ältere Ge­ne­ra­ti­on Men­schen aktiv sind. Dafür kann es viele Gründe geben: verfügbare Zeit, langjährige Verbundenheit mit dem Quartier, persön­liche Netzwerke oder die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Daraus lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass jüngere Menschen kein Interesse am Quar­tier­le­ben haben. Es könnte e­ben­so sein, dass sie sich anders en­ga­gier­en oder von den bestehenden Ver­eins­struk­tu­ren weniger an­ge­sproch­en fühl­en.

Ich spreche dabei auch aus eigener Erfahrung. Vor meinem Eintritt in den Quartierverein Wiedikon hatte ich von aussen ein eher traditionelles, teilweise konservatives Bild des Vereins. Er wirk­te auf mich wie eine Institution, die Gefahr läuft, gesellschaftliche und digitale Entwicklungen zu spät auf­zu­grei­fen.

Diese Einschätzung hat mich nicht davon abgehalten, mich einzubringen. Im Gegenteil: Sie verstärkt für mich die Frage, wie ein Quartierverein seine Tradition bewahren und sich gleich­zeitig erneuern kann.

Selbstkritik bedeutet dabei nicht, die bisherige Arbeit abzuwerten. Sie bedeutet, den eigen­en Anspruch ernst zu nehmen und zu prüfen, ob die heutigen Formen noch zum ursprüng­lichen Zweck passen.

Partnerschaft statt Gegnerschaft

Aus meiner Sicht ist es wichtig, das Verhältnis zwischen den Quar­tier­ver­ein­en und der Stadt nicht vorschnell als Gegensatz zu verstehen. Die Stadt ist nicht automatisch Geg­ne­rin, wenn sie andere Er­war­tung­en formuliert oder be­stim­mte Rah­men­be­din­g­u­n­gen setzt. Sie ist eine Partnerin, mit der unter­schied­liche Interessen und Vor­stel­lun­gen ausgehandelt werden müssen.

Quartiervereine sind keine politischen Parteien. Sie sind Teil der Zi­vil­ge­sell­schaft und kön­nen Anliegen aus der Bevölkerung aufnehmen, sichtbar machen und in den Dialog mit Be­hör­den und Politik einbringen. Die demo­kra­tisch gewählten Mitglieder des Gemeinde­rats und des Kantonsrats erfüllen dabei ihre eigenen politischen Aufgaben und verfügen über andere Entscheidungsbefugnisse.

Für Quartiervereine stellt sich deshalb auch die Frage nach den eigenen politischen Grenzen. Sie können In­te­res­sen vertreten, Diskussionen an­stos­sen und Entwicklungen kritisch begleiten. Sie können jedoch nicht erwarten, dass jedes Anliegen ihrer Mitglieder politisch umgesetzt wird. Unterschiedliche Interessen gehören zu einer pluralistischen Gesellschaft.

Wenn ein Anliegen keinen Erfolg hat, muss dies nicht zwangsläufig als man­geln­de Wert­schätz­ung verstanden werden. Eine konstruktive Partnerschaft muss unterschiedliche Positi­onen und auch unterschiedliche Ergebnisse aushalten können, ohne dass daraus ein grund­sätzliches Feindbild entsteht.

Dazu gehört auch, den eigenen Selbst­wert nicht allein von politischen Er­fol­gen oder von der Zustimmung der Stadt abhängig zu machen.

Subventionen und die Frage der Unabhängigkeit

Die aktuelle Auseinandersetzung um die neue Subventionsvereinbarung berührt diese Fragen unmittelbar. Bei der Vereinbarung handelt es sich um ein juristisches Regelwerk, das die finanzielle Unterstützung der Quar­tier­ver­eine durch die öffentliche Hand in Höhe von insgesamt jährlich 495'500 Franken festlegt. Vorgesehen sind unter anderem strengere An­for­de­run­gen an Rechnungsführung, Revision und Zeich­nungs­be­rech­ti­gun­gen. Die Neure­ge­lung für die Jahre 2025 – 2028, geht auf einen Beschluss des Ge­mein­de­rats vom 02. Juli 2025 zurück:

Die jährliche Subvention beträgt je nach Ein­wohn­er­zahl des Quartiers bis zu 24'000 Franken. Für einzelne Vereine kann dieser Betrag für die Auf­recht­er­hal­tung ihrer Aktivitäten und Strukturen von erheblicher Bedeutung sein.

Die Quartiervereine, welche die Ver­ein­ba­rung nicht unterzeichnet haben, stellen insbeson­dere einzelne Be­stim­mun­gen infrage. Sie befürchten, dass sich aus den Bedingungen ein Auf­trags­ver­hält­nis zwischen Stadt und Verein entwickeln könnte. Damit ver­bun­den ist die Sorge, dass die Vereine ihre Eigenständigkeit verlieren oder zunehmend an städtische Er­war­tun­gen und administrativen Vor­ga­ben gebunden werden.

Diese Befürchtung verdient eine sach­liche Prüfung. Öffentliche Gelder müssen nachvollzieh­bar eingesetzt werden, und die Stadt hat ein be­rech­tig­tes Interesse daran, die Verwendung ihrer Mittel zu regeln. Gleichzeitig müssen die An­for­der­ung­en in einem an­ge­mes­sen­en Ver­hältnis zur Höhe der Beiträge, zur Organisationsform der Vereine und zu deren ehren­amt­li­cher Tätigkeit stehen.

Entscheidend ist deshalb, wie die Vereinbarung konkret ausgestaltet ist: Welche Pflichten entstehen tat­säch­lich? Welche Hand­lungs­spiel­räume bleiben den Vereinen? Und wo verläuft die Grenze zwischen be­rech­tig­ter Rech­en­schafts­pflicht und einer Ein­fluss­nah­me, die mit dem Selbst­ver­ständ­nis eines unabhängigen Vereins schwer vereinbar wäre?

Diese Fragen lassen sich nicht allein über die Höhe der Subvention be­ant­wor­ten. Sie betref­fen das grund­sätz­liche Verhältnis zwischen öffentlicher Finanzierung und zivil­gesell­schaft­lich­er Eigenständigkeit.

Ehrenamt ist Herzensarbeit

Während der Aussprache wurde für mich nochmals deutlich, dass Quar­tier­arbeit weit mehr ist als die Or­ga­ni­sa­ti­on von Veranstaltungen oder die Vertretung einzelner Anliegen. Sie lebt von persönlichen Beziehungen, von Identifikation mit einem Ort und von der Bereitschaft, Zeit und Energie für andere einzusetzen.

Ehrenamt ist häufig Herzensarbeit. Gerade deshalb können Diskussionen über Anerken­nung, Einfluss und Ver­ant­wor­tung emotional werden. Wenn Menschen viel von sich selbst in eine Aufgabe investieren, kann sach­li­che Kritik schnell als persönliche Ab­wer­tung empfun­den werden.

Umso wichtiger scheint mir, zwischen der Anerkennung des Engagements und der Beurtei­lung konkreter For­de­run­gen zu unterscheiden. Die Arbeit eines Vereins kann wertvoll sein, auch wenn nicht jede seiner Er­war­tun­gen erfüllt wird. Umgekehrt entbindet langjähriges Engagement einen Verein nicht davon, seine Strukturen und seinen Auftrag re­gel­mäs­sig zu über­prüfen.

Wertschätzung und Selbstkritik müssen sich nicht widersprechen. Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig stärken.

« Die Quartier­ver­ei­ne sind für die Stadt zen­tra­le Par­tner für die Be­zieh­un­gen der Stadt zu den Quar­tier­en. Sie bil­den ei­ne Brücke zwi­schen der Be­völ­ke­rung und der Stadt. Mit ihrem Engage­ment stär­ken sie den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­­men­­halt und tra­gen da­zu bei, dass Zürich le­ben­dig und viel­­fäl­tig bleibt. Da­für ge­bührt ihn­en An­er­­ken­nung und Re­spekt. »

Raphael Golta, Stadtpräsident

Die Chance, die eigene Rolle neu zu bestimmen

Für mich führt die Diskussion um die Subventionsvereinbarung deshalb zu einer Frage, die über den Vertrag hinaus­geht: Was wollen die Quar­tier­ver­eine heute sein – und was müssen sie tun, um es auch morgen zu bleiben?

Die Antwort kann nicht allein von der Stadt kommen. Sie muss auch inner­halb der Vereine entstehen. Dazu gehört, die eigene gesellschaftliche Bedeutung nicht einfach vorauszu­setzen, sondern sie immer wieder durch offene Strukturen, zeitgemässe Angebote und einen glaubwürdigen Bezug zur Quartierbevölkerung zu bestätigen.

Die Stadt wiederum sollte Rah­men­be­din­gun­gen schaffen, die eine kon­struk­tive Zusammen­arbeit ermöglichen und die Besonderheiten ehrenamtlicher Organisationen be­rück­sich­ti­gen. Dazu gehören nach­voll­zieh­bare An­for­de­run­gen, klare Zu­stän­dig­keiten und ein gemein­sames Verständnis davon, was mit öffentlichen Beiträgen erreicht werden soll, ohne die Eigen­ständigkeit der Vereine unnötig einzuschränken.

Vielleicht liegt genau darin eine Chance dieser Auseinandersetzung: nicht bloss darin, eine strittige Ver­ein­ba­rung auszuhandeln, sondern das gegenseitige Verständnis zu erneuern.

Am Ende wünsche ich mir, dass die Quartiervereine den Blick wieder stärker auf das richten, was sie ur­sprüng­lich ausmacht: Menschen miteinander zu verbinden, Be­geg­nun­gen zu er­mög­lichen und das Zu­sam­men­le­ben im Quartier zu fördern.

Nicht jede Begegnung muss zu einem konkreten Ergebnis führen. Nicht jedes Anliegen muss politisch erfolgreich sein. Und nicht jede Mei­nungs­ver­schie­den­heit muss als Nieder­lage ver­­stan­­den werden.

Manchmal besteht der Wert der Quar­tier­ar­beit gerade darin, Ver­bin­dun­gen zu schaffen, ohne bereits zu wissen, was daraus entsteht.

Dafür braucht es Engagement und Anerkennung. Aber ebenso braucht es Offenheit, Selbst­reflexion und die Be­reit­schaft, sich zu verändern.


Text und Bild: Matthias Gruic


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