Das Herz der Quartiere – Zwischen Verbundenheit, Wandel und städtischem Dialog
Aktualisiert: vor 8 Stunden
Eine persönliche Momentaufnahme über die Aussprache zur neuen Subventionsvereinbarung
Ein Gespräch über Geld, Wertschätzung und Anerkennung
Mehrere Quartiervereine der Stadt Zürich haben die neue Subventionsvereinbarung mit der Stadt bislang nicht unterzeichnet. Zu ihnen gehört auch der Quartierverein Wiedikon. Dessen Mitgliederversammlung hat im März 2026 beschlossen, auf eine Unterzeichnung der Vereinbarung zu verzichten. Damit ist eine Diskussion entstanden, die über einzelne Vertragsbestimmungen hinausgeht. Im Kern geht es um das Verhältnis zwischen der Stadt und den Quartiervereinen, um deren Rolle in der heutigen Gesellschaft und um die Frage, wie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit künftig gestaltet werden soll. Der neue Stadtpräsident Raphael Golta lud die betroffenen Quartiervereine zu einem Austausch ein. In seiner Einladung würdigte er ihre Bedeutung für die Stadt:
«Die Quartiervereine sind für die Stadt zentrale Partner für die Beziehungen der Stadt zu den Quartieren. Sie bilden eine Brücke zwischen der Bevölkerung und der Stadt. Mit ihrem Engagement stärken sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und tragen dazu bei, dass Zürich lebendig und vielfältig bleibt. Dafür gebührt ihnen Anerkennung und Respekt.»
Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, gemeinsam einen guten Weg für die weitere Zusammenarbeit zu ebnen.
Als neues Vorstandsmitglied des Quartiervereins Wiedikon nahm ich vorerst als Beobachter an dieser Aussprache teil. Ich begleitete unseren Präsidenten Sepp Widler und hatte so Gelegenheit, die Diskussion aus einer noch relativ neuen Perspektive zu verfolgen.

Wertschätzung als zentrales Anliegen
Zu Beginn überliess der Stadtpräsident den Vertreterinnen und Vertretern der Quartiervereine das Wort. Es entstand eine Art «Chropfleerete»: Die Anwesenden konnten schildern, was sie beschäftigt, wo sie sich unverstanden fühlen und welche Erwartungen sie an die Stadt haben.
Was mir dabei besonders auffiel, war die emotionale Bedeutung des Themas. Die Vertreterinnen und Vertreter stellten ihre ehrenamtliche Arbeit ins Zentrum. Sie berichteten von ihrem Engagement für die Quartierbevölkerung, von gelungenen Kooperationen und von ihrem Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dabei wurde deutlich, wie viel persönliche Überzeugung, Sinnhaftigkeit und Herzblut in dieser Arbeit steckt.
Gleichzeitig nahm ich eine klare Erwartung an die Stadt wahr: Die geleistete Arbeit soll gesehen, anerkannt und respektiert werden. Wo viel Engagement und persönliche Identifikation vorhanden sind, entstehen verständlicherweise auch Erwartungen. Werden diese nicht erfüllt, können Enttäuschungen folgen. Mein Eindruck war, dass ein Teil der aktuellen Verletzung genau hier liegt – im Gefühl, dass die eigene Arbeit und die damit verbundene Bedeutung nicht ausreichend gewürdigt werden.
Diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar. Sie wirft für mich jedoch auch eine weiterführende Frage auf: Wie definieren die Quartiervereine ihre Rolle heute und wie wollen sie diese in Zukunft ausgestalten?
Ein historisches Selbstverständnis im gesellschaftlichen Wandel
Die Quartiervereine haben eine lange Geschichte. Ihre Entstehung ist eng mit der Entwicklung Zürichs und den Eingemeindungen früherer Gemeinden in die Stadt verbunden. Sie entstanden aus dem Bedürfnis, die Interessen der Quartiere zu vertreten, Menschen zusammenzubringen und das lokale Gemeinschaftsleben zu fördern.
Auch der Quartierverein Wiedikon beschreibt diesen Anspruch in seinen Statuten. Er will die Interessen des Quartiers vertreten, den Quartiergeist fördern sowie die Quartiertradition und kulturelle Aktivitäten pflegen. Zudem verpflichtet er sich zu politischer und konfessioneller Neutralität.
Diese Grundsätze sind mehr als eine formale Beschreibung des Vereinszwecks. Sie sind ein Versprechen. Sie definieren den Rahmen, innerhalb dessen sich ein Quartierverein bewegt und an dem er sich messen lassen muss.
Doch die Gesellschaft, für die diese Vereine einst gegründet wurden, hat sich grundlegend verändert. Und sie verändert sich weiter. Lebensformen, Kommunikationsgewohnheiten und Erwartungen an gesellschaftliche Teilhabe sind im Wandel. Digitale Räume ergänzen oder ersetzen zunehmend traditionelle Begegnungsformen. Nachbarschaft entsteht heute auf unterschiedliche Weise – im persönlichen Gespräch, in Vereinen, über digitale Plattformen oder durch zeitlich begrenztes Engagement für einzelne Anliegen.
Vor diesem Hintergrund scheint es mir wichtig, dass sich auch die Quartiervereine regelmässig selbst hinterfragen: Entsprechen unsere Strukturen noch den Bedürfnissen der Menschen im Quartier? Erreichen wir unterschiedliche Altersgruppen und Lebensrealitäten? Und wie muss sich unser Selbstverständnis verändern, damit wir auch künftig eine relevante Rolle spielen können?
Die Frage nach der eigenen Legitimation
Ich beobachte diesen Prozess mit einer gewissen Skepsis und stelle mir dabei auch grundsätzliche Fragen zur Legitimation eines Quartiervereins. Die Mitgliederzahlen können ein Hinweis auf die Verankerung im Quartier sein, müssen aber im Verhältnis zur Einwohnerzahl und zur Vielfalt der Bevölkerung betrachtet werden. Sie allein beantworten nicht die Frage, wie repräsentativ ein Verein für ein ganzes Quartier ist.
Auch die Zusammensetzung der Vorstände verdient einen differenzierten Blick. Mein Eindruck ist, dass dort häufig eine ältere Generation Menschen aktiv sind. Dafür kann es viele Gründe geben: verfügbare Zeit, langjährige Verbundenheit mit dem Quartier, persönliche Netzwerke oder die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Daraus lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass jüngere Menschen kein Interesse am Quartierleben haben. Es könnte ebenso sein, dass sie sich anders engagieren oder von den bestehenden Vereinsstrukturen weniger angesprochen fühlen.
Ich spreche dabei auch aus eigener Erfahrung. Vor meinem Eintritt in den Quartierverein Wiedikon hatte ich von aussen ein eher traditionelles, teilweise konservatives Bild des Vereins. Er wirkte auf mich wie eine Institution, die Gefahr läuft, gesellschaftliche und digitale Entwicklungen zu spät aufzugreifen.
Diese Einschätzung hat mich nicht davon abgehalten, mich einzubringen. Im Gegenteil: Sie verstärkt für mich die Frage, wie ein Quartierverein seine Tradition bewahren und sich gleichzeitig erneuern kann.
Selbstkritik bedeutet dabei nicht, die bisherige Arbeit abzuwerten. Sie bedeutet, den eigenen Anspruch ernst zu nehmen und zu prüfen, ob die heutigen Formen noch zum ursprünglichen Zweck passen.
Partnerschaft statt Gegnerschaft
Aus meiner Sicht ist es wichtig, das Verhältnis zwischen den Quartiervereinen und der Stadt nicht vorschnell als Gegensatz zu verstehen. Die Stadt ist nicht automatisch Gegnerin, wenn sie andere Erwartungen formuliert oder bestimmte Rahmenbedingungen setzt. Sie ist eine Partnerin, mit der unterschiedliche Interessen und Vorstellungen ausgehandelt werden müssen.
Quartiervereine sind keine politischen Parteien. Sie sind Teil der Zivilgesellschaft und können Anliegen aus der Bevölkerung aufnehmen, sichtbar machen und in den Dialog mit Behörden und Politik einbringen. Die demokratisch gewählten Mitglieder des Gemeinderats und des Kantonsrats erfüllen dabei ihre eigenen politischen Aufgaben und verfügen über andere Entscheidungsbefugnisse.
Für Quartiervereine stellt sich deshalb auch die Frage nach den eigenen politischen Grenzen. Sie können Interessen vertreten, Diskussionen anstossen und Entwicklungen kritisch begleiten. Sie können jedoch nicht erwarten, dass jedes Anliegen ihrer Mitglieder politisch umgesetzt wird. Unterschiedliche Interessen gehören zu einer pluralistischen Gesellschaft.
Wenn ein Anliegen keinen Erfolg hat, muss dies nicht zwangsläufig als mangelnde Wertschätzung verstanden werden. Eine konstruktive Partnerschaft muss unterschiedliche Positionen und auch unterschiedliche Ergebnisse aushalten können, ohne dass daraus ein grundsätzliches Feindbild entsteht.
Dazu gehört auch, den eigenen Selbstwert nicht allein von politischen Erfolgen oder von der Zustimmung der Stadt abhängig zu machen.
Subventionen und die Frage der Unabhängigkeit
Die aktuelle Auseinandersetzung um die neue Subventionsvereinbarung berührt diese Fragen unmittelbar. Bei der Vereinbarung handelt es sich um ein juristisches Regelwerk, das die finanzielle Unterstützung der Quartiervereine durch die öffentliche Hand in Höhe von insgesamt jährlich 495'500 Franken festlegt. Vorgesehen sind unter anderem strengere Anforderungen an Rechnungsführung, Revision und Zeichnungsberechtigungen. Die Neuregelung für die Jahre 2025 – 2028, geht auf einen Beschluss des Gemeinderats vom 02. Juli 2025 zurück:
Die jährliche Subvention beträgt je nach Einwohnerzahl des Quartiers bis zu 24'000 Franken. Für einzelne Vereine kann dieser Betrag für die Aufrechterhaltung ihrer Aktivitäten und Strukturen von erheblicher Bedeutung sein.
Die Quartiervereine, welche die Vereinbarung nicht unterzeichnet haben, stellen insbesondere einzelne Bestimmungen infrage. Sie befürchten, dass sich aus den Bedingungen ein Auftragsverhältnis zwischen Stadt und Verein entwickeln könnte. Damit verbunden ist die Sorge, dass die Vereine ihre Eigenständigkeit verlieren oder zunehmend an städtische Erwartungen und administrativen Vorgaben gebunden werden.
Diese Befürchtung verdient eine sachliche Prüfung. Öffentliche Gelder müssen nachvollziehbar eingesetzt werden, und die Stadt hat ein berechtigtes Interesse daran, die Verwendung ihrer Mittel zu regeln. Gleichzeitig müssen die Anforderungen in einem angemessenen Verhältnis zur Höhe der Beiträge, zur Organisationsform der Vereine und zu deren ehrenamtlicher Tätigkeit stehen.
Entscheidend ist deshalb, wie die Vereinbarung konkret ausgestaltet ist: Welche Pflichten entstehen tatsächlich? Welche Handlungsspielräume bleiben den Vereinen? Und wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Rechenschaftspflicht und einer Einflussnahme, die mit dem Selbstverständnis eines unabhängigen Vereins schwer vereinbar wäre?
Diese Fragen lassen sich nicht allein über die Höhe der Subvention beantworten. Sie betreffen das grundsätzliche Verhältnis zwischen öffentlicher Finanzierung und zivilgesellschaftlicher Eigenständigkeit.
Ehrenamt ist Herzensarbeit
Während der Aussprache wurde für mich nochmals deutlich, dass Quartierarbeit weit mehr ist als die Organisation von Veranstaltungen oder die Vertretung einzelner Anliegen. Sie lebt von persönlichen Beziehungen, von Identifikation mit einem Ort und von der Bereitschaft, Zeit und Energie für andere einzusetzen.
Ehrenamt ist häufig Herzensarbeit. Gerade deshalb können Diskussionen über Anerkennung, Einfluss und Verantwortung emotional werden. Wenn Menschen viel von sich selbst in eine Aufgabe investieren, kann sachliche Kritik schnell als persönliche Abwertung empfunden werden.
Umso wichtiger scheint mir, zwischen der Anerkennung des Engagements und der Beurteilung konkreter Forderungen zu unterscheiden. Die Arbeit eines Vereins kann wertvoll sein, auch wenn nicht jede seiner Erwartungen erfüllt wird. Umgekehrt entbindet langjähriges Engagement einen Verein nicht davon, seine Strukturen und seinen Auftrag regelmässig zu überprüfen.
Wertschätzung und Selbstkritik müssen sich nicht widersprechen. Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig stärken.
« Die Quartiervereine sind für die Stadt zentrale Partner für die Beziehungen der Stadt zu den Quartieren. Sie bilden eine Brücke zwischen der Bevölkerung und der Stadt. Mit ihrem Engagement stärken sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und tragen dazu bei, dass Zürich lebendig und vielfältig bleibt. Dafür gebührt ihnen Anerkennung und Respekt. »
Raphael Golta, Stadtpräsident
Die Chance, die eigene Rolle neu zu bestimmen
Für mich führt die Diskussion um die Subventionsvereinbarung deshalb zu einer Frage, die über den Vertrag hinausgeht: Was wollen die Quartiervereine heute sein – und was müssen sie tun, um es auch morgen zu bleiben?
Die Antwort kann nicht allein von der Stadt kommen. Sie muss auch innerhalb der Vereine entstehen. Dazu gehört, die eigene gesellschaftliche Bedeutung nicht einfach vorauszusetzen, sondern sie immer wieder durch offene Strukturen, zeitgemässe Angebote und einen glaubwürdigen Bezug zur Quartierbevölkerung zu bestätigen.
Die Stadt wiederum sollte Rahmenbedingungen schaffen, die eine konstruktive Zusammenarbeit ermöglichen und die Besonderheiten ehrenamtlicher Organisationen berücksichtigen. Dazu gehören nachvollziehbare Anforderungen, klare Zuständigkeiten und ein gemeinsames Verständnis davon, was mit öffentlichen Beiträgen erreicht werden soll, ohne die Eigenständigkeit der Vereine unnötig einzuschränken.
Vielleicht liegt genau darin eine Chance dieser Auseinandersetzung: nicht bloss darin, eine strittige Vereinbarung auszuhandeln, sondern das gegenseitige Verständnis zu erneuern.
Am Ende wünsche ich mir, dass die Quartiervereine den Blick wieder stärker auf das richten, was sie ursprünglich ausmacht: Menschen miteinander zu verbinden, Begegnungen zu ermöglichen und das Zusammenleben im Quartier zu fördern.
Nicht jede Begegnung muss zu einem konkreten Ergebnis führen. Nicht jedes Anliegen muss politisch erfolgreich sein. Und nicht jede Meinungsverschiedenheit muss als Niederlage verstanden werden.
Manchmal besteht der Wert der Quartierarbeit gerade darin, Verbindungen zu schaffen, ohne bereits zu wissen, was daraus entsteht.
Dafür braucht es Engagement und Anerkennung. Aber ebenso braucht es Offenheit, Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich zu verändern.
Text und Bild: Matthias Gruic



