Wie sich die Stadt Zürich schwer tut mit ihren Quartiervereinen (1)
- Quartierverein Wiedikon

- 19. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Persönliche Bilanz aus zehn Jahre Quartierarbeit (2016 – 2026) – Teil 1
Im April 2016 fragte mich ein Schulkollege meines Sohnes, ob ich mir nach meiner Pensionierung vorstellen könne, das Präsidium des Quartiervereins Wiedikon zu übernehmen. Der damalige Präsident Ernst Hänzi habe seit längerem seinen Rücktritt angekündigt. Raphael Kobler, so heisst der frühere Schüler, sass damals im Vorstand des Quartiervereins und war später Gemeinderat der FDP Kreis 3. Wir trafen uns im Café Bebek, er erzählte mir über die Vorstandsarbeit und die Rolle des Quartiervereins im Kreis 3. Umgehend trat ich in den Quartierverein ein und sass schon bald als Gast in den Vorstandssitzungen. Ich durfte ein knappes Jahr «schnuppern», bis ich mich an der Generalversammlung im März 2017 zur Wahl stellte und – wie bei Quartiervereinen üblich – ohne Gegenkandidatur einstimmig gewählt wurde.
Zusammen mit Ernst Hänzi besuchte ich Generalversammlungen anderer Vereine (Gewerbe Zürich 3, Quartierkonferenz Stadt Zürich) und nahm am 3. November 2016 erstmals an der Einladung des Stadtrats zum Muraltengut-Essen teil. Dort fiel mir vom ersten Moment an auf, wie der Stadtrat durch sein vollzähliges Erscheinen den 25 Quartiervereinen gegenüber seinen Respekt erwies und gleichzeitig den ganzen Abend in der Position des Taktgebers verblieb. Der Ton war freundlich, die rund 50 Vertreter und Vertreterinnen der Quartiervereine sassen im Saal, die 9 Stadträte referierten vorne an ihren Stehpulten mit PowerPoint-Folien. Teilnehmer aus dem Quartier durften fragen, musste sich aber kurzfassen, im Unterschied zu den Referenten.
Faszinierend fand ich, dass auch altgediente SP-, FDP- und CVP-Parlamentarierinnen und -Parlamentarier artig ihre Fragen stellten, sich aber «abklemmen» liessen, wenn man vorne fand: genug. Ein Urgestein, das sich kaum bändigen liess, war einzig «Quartierkönig» Helmuth Werner, Präsident des QV Zürich 5, den die rhetorisch wenig begabte Stadtpräsidentin so lange reden liess, wie er wollte. Beeindruckt hat mich auch die langjährige Präsidentin des Quartiervereins Schwamendingen Maja Burri. Von Beruf Kindergärtnerin war sie langjährige SP-Gemeinderätin und mit Corine Mauch und der halben Stadtverwaltung per Du. Sie konnte sich oft furchtbar aufregen über weltfremde Vorschriften und Entscheide des Stadtrats. Aber auch ihr Wort galt wenig, wenn der Stadtrat etwas durchboxen wollte. Mein damaliger Eindruck hat sich im Laufe der Jahre verfestigt: Hier sitzen einander nicht gleichwertige Partner gegenüber, sondern hier verhandelt die mächtige Stadtverwaltung mit Bittstellern aus dem Quartier. Freundlich, aber mit klar hierarchischer Ordnung.


Konkurrenz statt Kooperation
Das Verhältnis zwischen Stadt und Quartiervereinen ist seit jeher geprägt von Phasen der Zusammenarbeit und der Rivalität, von Nähe und Distanz, Kooperation und Auseinandersetzung. Die meisten städtischen Quartiervereine entstanden Ende des 19. Jahrhunderts oder zur Zeit des ersten Weltkriegs (1914-1918), als die ehemals selbständigen Dörfer eingemeindet wurden und sie ihre Quartieranliegen in der neuen Stadt Zürich zur Geltung bringen wollten.
Die Unterschiede in Aufgabenteilung, Arbeitsweise und Organisationsstruktur bilden den Kern der unterschiedlichen Interessenlage. Hier die wachsende Stadt mit einer immer stärker werdenden gut bezahlten Verwaltung, einem Heer von 33'000 bis 36'000 städtischen Angestellten (rund 8 Prozent der Stadtbewohner). Dort die je nach Stadtteil unterschiedlich grossen 25 Quartiervereine von Affoltern bis Zürich 1 rechts der Limmat (Altstadt). Diese arbeiten nach den Prinzipien von Freiwilligkeit, Ehrenamtlichkeit und Unentgeltlichkeit. Sie sind politisch und konfessionell neutral und als Vereine privatrechtlich organisiert. Der Quartierverein Wiedikon hat sein Selbstverständnis 2021 in folgende Worte gefasst.


Warum die Stadtverwaltung in den letzten Jahren unter dem Präsidium von Corine Mauch immer neue Versuche unternommen hat, die Arbeit der Quartiervereine zu konkurrenzieren, ist mir letztlich nicht verständlich. Sind doch solche Versuche meist nach kurzer Zeit wieder sang- und klanglos verschwunden: So etwa die vom Sozialdepartement betriebene «Quartierkoordination» mit ihrem Motto «Wir fördern das Zusammenleben im Quartier» (ca. 2015 – 2018). Das «Büro für Sozialraum & Stadtleben» ist ebenfalls sanft entschlafen
(ca. 2018 – 2019/20). Ähnlich erging es den
beiden Versuchen der «Drehscheibe» in
Oerlikon und Grünau (2022 – 2025).
Es waren allesamt ergebnislose Versuche des Stadtrats, mit geldverschwenderischen Mitteln ureigene Aufgaben der föderalistischen Quartiervereine durch die Verwaltung zu übernehmen. Ist es Missgunst gegenüber dem Erfolg einiger Quartiervereine wie etwa Wipkingen? Oder Misstrauen gegenüber unbotmässigen Vereinen (wie der frühere QV Zürich 5)? Oder der krankhafte Versuch, städtische Experimente wie «Bring’s uf d’Strass» als «eigene Quartieraktivität» zu verkaufen? Oder die Frustration, dass ein QV die Stadt wegen Nichtstun kritisiert wie im Falle Friedhof Sihlfeld? Wir wissen es nicht.
Die politischen Zwillingsschwestern
Aufschluss gibt vielleicht ein Blick auf die Verwaltungsstrukturen. Dazu ist es nützlich zu wissen, dass die Abteilung Stadtentwicklung Zürich (STEZ) unter Direktorin Anna Schindler zum Präsidialdepartement (PRD) von Stadtpräsidentin Corine Mauch gehört. Mauch und Schindler gelten im Kreis der Quartiervereine als «politische Zwillingsschwestern». Interessanterweise ähneln sich die beiden Frauen auch äusserlich. Die Berner Geografin und frühere Kulturjournalistin Anna Schindler trat ihr Amt am 1. November 2011 an und gehört zu den ersten Amtsdirektorinnen, die Corine Mauch stolz präsentieren konnte. Was Mauch will, führt Schindler durch. Dies gilt offenbar auch für den bei der Stadtpräsidentin mit der Zeit gewachsenen Wunsch, die Quartiervereine stärker an die Kandare zu nehmen.

Stadtpräsidentin Corine Mauch und Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung Zürich
Im Jahr 2019 jedenfalls wurde die Zuständigkeit für Quartiervereine innerhalb der Stadtverwaltung vom Sozialdepartement (Raphael Golta) in die Stadtentwicklung unter (Anna Schindler) überführt. Mit einer überdimensionierten «Schnittstellen-Überprüfung», die mehrere Monate dauerte, befassten sich die Stadtpräsidentin und die STEZ-Direktorin mit auffälligem Eifer mit den Quartiervereinen und «quartiervereinsähnlichen Organisationen». Es war ein Versuch, den traditionellen QV eine Konkurrenz zur Seite zu stellen. Zwar sah kaum jemand aus den Quartieren wirklich Handlungsbedarf. Doch wo ein Wille ist, gibts auch einen Weg. Also schrieb die Stadtpräsidentin nach Abschluss der teuren Übung lange Mails an die 25 Quartiervereine mit eigenen Reformvorschlägen. Es waren klassische Kopfgeburten der Verwaltung ohne Support aus der Basis. Mehrere Ideen der Schnittstellen-Überprüfung von 2019 sind seither gescheitert: die «Drehscheibe», die Website «Mein Quartier», die Stadtidee, die Digitale Plattform Decidim. Andere wurden stillschweigend begraben oder schubladisiert.
Eine weitere fixe Idee der Stadtpräsidentin waren ihre Zweifel an der Repräsentativität der QV’s für ihr jeweiliges Quartier. So erklärte sie, im Schnittstellen-Prozess sei gewünscht worden, dass der Stadtrat zu den Muraltengut-Treffen auch weitere «quartiervereinsähnliche» Akteure einladen solle. Unter den QV’s hatte man zwar noch nie davon gehört, doch war niemand gegen eine Ausweitung. Der Clou dabei: Da die Stadt selbst offenbar keine Beziehungen zu solchen Organisationen pflegte, bat man die Quartiervereine, jedes zweite Jahr eine zusätzliche Organisation aus ihrem Quartier vorzuschlagen, die man einladen könne. Gesagt, getan. Doch auch das ging gelegentlich in die Hosen, indem Organisationen am Stadtrats-Essen auftauchten, die sich gerade aufgelöst hatten, oder ein Verein, der sich nur aus einer Familie und deren Arbeitskollegen zusammensetzte.
Auffällig in dieser Zeit: Preschte Mauch vor, hielt sich Schindler meist im Hintergrund. Den direkten Kontakt zu Quartiervereinen vermied Anna Schindler, wann immer es ging. Sie besuchte praktisch nie eine Quartierkonferenz, die halbjährliche Zusammenkunft aller 25 Quartiervereine, obwohl sie für diese zuständig war. Auch an den Muraltengut-Treffen wich sie dem Small Talk und der direkten Begegnung meist aus.

Für Direktkontakte und «Bad News» schickte Anna Schindler immer häufiger ihren Vizedirektor Günther Arber vor. So überbrachte der gelernte Maschinenmechaniker und Geograf der Quartierkonferenz im Sommer 2021 an ihrer Tagung in Seebach die Hiobsbotschaft, die Stadt wolle anstelle der bisherigen Zusammenarbeits-Charta von 2011 mit allen Quartiervereinen Einzelverträge abschliessen. Der Wille, stärker als bisher zu kontrollieren, wurde mit diesem Paukenschlag öffentlich verkündet – lange bevor zwei Betrugsfälle bei Quartiervereinen publik wurden (2022). Im Protokoll der Quartierkonferenz vom 10. Juni 2021 stand zu diesem Vorstoss der (vergebliche) Wunsch: «Diese Vereinbarung soll in Zusammenarbeit mit Günther Arber und dem Vorstand der Quartierkonferenz erarbeitet werden und möglichst einfach gehalten sein. Der Aufwand für die QV’s soll möglichst gering sein.» Denkste.

