Spurensuche im Wiedikon der 1920er
- Wyss Jesca Li (QVW)
- vor 2 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Die Autorin Miriam Veya kennt Wiedikon wie ihre Westentasche. Hier lebt sie seit vielen Jahren, hier führte sie einst eine Tanzschule, und hier entstehen heute ihre preisgekrönten historischen Krimis rund um die Privatdetektivin Josephine Wyss. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Beziehung zum Quartier, von unerwarteten Inspirationen und davon, weshalb ihre historischen Krimis Fragen nachgehen, welche auch heute noch für Gesprächsstoff sorgen:
«Wiedikon da bin ich zu Hause»
Miriam, du bist zwar keine gebürtige Wiedikerin, hast aber einen besonders engen Bezug zum Quartier. Wie hat sich diese Verbindung entwickelt?
Ich bin zwar im Kreis 6 aufgewachsen, meine erste eigene Wohnung – eine WG – lag jedoch beim Brunaupark. Seither hat es mich immer wieder nach Wiedikon zurückgezogen – mit Ausnahme eines kurzen Abstechers nach Bern fürs Studium und einem kurzen Intermezzo in meiner alten Heimat, dem Kreis 6. Seit rund fünfzehn Jahren lebe ich nun wieder hier und fühle mich angekommen.
Zum Quartier habe ich aber nicht nur privat eine Beziehung. Viele Jahre führte ich im Friesenberg ein Tanzstudio. Dadurch entstand eine starke Verbundenheit mit den Menschen hier. 2022 habe ich die Tanzschule verkauft, da ich Lust auf etwas Neues hatte.
Ganz losgelassen hat dich das Unterrichten trotzdem nicht.
Nein, überhaupt nicht. Heute unterrichte ich Deutsch für Fremdsprachige, Schweizerdeutsch sowie kreatives Schreiben für Erwachsene. Das Bücherschreiben und Recherchieren ist oft eine einsame Tätigkeit. Das Unterrichten bringt mir den Austausch mit Menschen zurück – und den brauche ich ebenso wie die Ruhe. Deshalb geniesse ich auch Lesungen und Führungen, die ich im Zusammenhang mit meinen Büchern geben darf.
Preisgekrönt
Aktuell sind drei Fälle rund um deine Ermittlerin Josephine Wyss erschienen. Bleibt es bei einer Trilogie?

Nein, zum Glück nicht. Vor einem Jahr ist der dritte Band erschienen, und am 26. März 2026 wurde ich für den zweiten Band mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet. Das hat mich enorm motiviert.
Gemeinsam mit meinem Verlag, dem Zytglogge Verlag in Basel, haben wir bereits darüber gesprochen, die Reihe weiterzuführen. Ein vierter Band ist gesetzt, und auch ein fünfter oder sechster wäre durchaus denkbar. Nun liegt es an mir, die passenden Geschichten zu finden.
Hast du bereits mit den Recherchen für den nächsten Josephine-Wyss-Fall begonnen?
Noch nicht. Nach drei Krimis in zwei Jahren verspürte ich das Bedürfnis, etwas anderes zu schreiben. Ursprünglich arbeitete ich an einem Projekt ausserhalb des Krimigenres, doch irgendwann kam ich nicht mehr weiter. Es war keine klassische Schreibblockade – eher hatte die Geschichte einige ungelöste Knoten.
Dann passierte etwas, was der Traum eines/einer jeden Autor:in ist: Eine Figur «erschien» mir kurz vor dem Einschlafen. Ich begann, dieser Figur zu folgen, und plötzlich ergab alles Sinn. Die Geschichte entwickelte sich fast von selbst.
Diese Erfahrung gab mir so viel Schwung, dass ich das erste Projekt wieder aufnahm. Deshalb sind aktuell gleich zwei neue Bücher in Arbeit, bevor Josephine ihren nächsten Fall lösen darf.
Warum gerade Wiedikon?
War von Anfang an klar, dass deine Protagonistin im Zürich der 1920er-Jahre und insbesondere in Wiedikon leben würde?

Nicht sofort. Am Anfang stand meine Liebe zum Krimi. Früher habe ich unglaublich viele Krimis gelesen. Interessanterweise lese ich heute kaum noch welche, seit ich selbst Krimis schreibe. Wahrscheinlich aus Angst, mich unbewusst beeinflussen zu lassen.
Während einer Weiterbildung im literarischen Schreiben hörte ich einen Satz, der meine Sicht auf das Genre verändert hat: Bei modernen Krimis sei oft nicht mehr der eigentliche Fall das Wichtigste, sondern die Figuren und das Umfeld, in dem sie sich bewegen.
Da fragte ich mich: Welches Setting kenne ich wirklich gut? Die Antwort war Zürich – und natürlich Wiedikon. Gleichzeitig wollte ich keinen weiteren klassischen Gegenwarts-Krimi schreiben. Historische Stoffe haben mich schon immer fasziniert.
Mit den 1920er-Jahren fand ich die perfekte Bühne. So konnte ich spannende gesellschaftliche Entwicklungen erzählen und musste mich nicht mit heutiger Polizeiarbeit oder Rechtsmedizin beschäftigen.
Und deshalb wurde Josephine Wyss Privatdetektivin?
Genau. Eine Frau konnte damals nicht bei der Polizei arbeiten. Also brauchte ich einen anderen Zugang. Josephine übernimmt nach dem Unfalltod ihres Mannes dessen Detektei und bewegt sich damit in einem Berufsfeld, das damals fast ausschliesslich Männern vorbehalten war.
Das schafft Konflikte, Widerstände und Herausforderungen – und genau daraus entstehen gute Geschichten.
Mehr als nur spannende Kriminalfälle
Deine Bücher greifen immer wieder gesellschaftliche Themen auf. Ist das Teil deines Konzepts?
Ja, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Mir ist wichtig, Themen aufzugreifen, die in den 1920er-Jahren relevant waren und bis heute nachwirken.
Im zweiten Band spielt beispielsweise der Kolonialismus eine wichtige Rolle. Solche Themen wurden damals anders betrachtet als heute. Mich interessiert, wie historische Perspektiven aktuelle Diskussionen spiegeln können.
Ich wünsche mir, dass Leser:innen nicht einfach sagen: «So war es halt damals.» Sondern dass sie erkennen, wie viele Fragen bis heute aktuell geblieben sind und weiterhin Diskussionen auslösen.
«An mir würde eine Verfilmung nicht scheitern»
Die Frage aller Fragen: Wann kommt die Verfilmung?
(Lacht.) Ich bin offen für Angebote.
Tatsächlich glaube ich, dass sich die Reihe sehr gut für eine Verfilmung eignen würde. Aber wir wissen alle: Die Schweiz ist kein Hollywood, und die Mittel für Kulturproduktionen sind begrenzt.
Falls sich aber jemand dafür interessiert – an mir würde es ganz sicher nicht scheitern.
Krimispaziergang durchs Quartier
Am 13. Juni führst du in Zusammenarbeit mit dem Quartierverein durch das Wiedikon deiner Bücher. Muss man die Romane gelesen haben, um teilnehmen zu können?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Viele Menschen besuchen meine Führungen, ohne die Bücher zu kennen. Sie interessieren sich einfach für die Geschichte Zürichs.
Ich achte sehr darauf, nichts zu verraten, was den Lesegenuss schmälern würde. Die Führung funktioniert deshalb sowohl für eingefleischte Krimifans als auch für historisch Interessierte.
Und wer danach Lust bekommt, Josephine Wyss besser kennenzulernen: Ich werde einige Exemplare mitbringen. Beim anschliessenden Apéro können diese erworben werden – auf Wunsch natürlich auch mit persönlicher Widmung.
Für mich ist diese Führung etwas ganz Besonderes. Es ist ein Heimspiel – und darauf freue ich mich riesig.
Text und Bilder von Jesca Li
Auf unserem Instagram-Account habt Ihr aktuell die Möglichkeit etwas Glück ein Bücherpaket mit den drei Veya-Krimis zu gewinnen:
Krimiführung mit Miriam Veya:
Die schon seit vielen Jahren in Wiedikon wohnhafte preisgekrönte Autorin Miriam Veya schreibt historische Kriminalromane, die in den 1920er Jahren in Zürich spielen. Dabei nimmt sie die Lesenden mit auf eine Zeitreise ins Zürich nach dem 1.Weltkrieg und zeichnet ein authentisches und atmosphärisch dichtes Bild des Lebens in der Limmatstadt vor hundert Jahren. Auf dem Quartier-Spaziergang in Wiedikon besuchen wir gemeinsam mit der Autorin die Orte, an denen die Privatdetektivin Josephine Wyss bei ihren Kriminalfällen vorbeikommt. Miriam Veya berichtet von spannenden Geschichten aus Recherchearbeit, liest einige Zeilen aus den Büchern (ohne zu viel zu verraten) und erzählt die eine oder andere witzige Anekdote. Die Führung eignet sich auch für Menschen, welche Veyas Bücher (noch) nicht kennen.
Samstag,13. Juni 2026
Startpunkt: 11.00 Uhr Haupteingang Friedhof Sihlfeld
Ende: 13.15 Uhr
inkl. Apéro im Gasthof Falken
Dauer des Spaziergangs: ca. 60 Minuten
Anmeldung: An events@quartierverein-wiedikon.ch
Maximale Teilnehmerzahl: 30 Personen, Anmeldung obligatorisch.
Kostenanteil:
CHF 5.- für Mitglieder des Quartiervereins,
CHF 15.- für Nichtmitglieder.
Der Betrag wird direkt vor Ort in bar eingezogen, genaue Summe mitbringen.



