Sein oder Nichtsein? Keine Frage für Musu Meyer
- Schenzle Andreas (QVW)
- vor 22 Stunden
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Aktualisiert: vor 5 Stunden
Sängerin und Wiediker Barbesitzerin Musu Meyer ist schon seit Jahrzehnten eine stadtbekannte Persönlichkeit in Zürich. In Dübendorf geboren und mit dem Sound von Düsenjets aufgewachsen, zog sie mit gerade 17 Jahren ins Züri Zentrum, um ihrem jugendlichen Sein zu frönen.
«Sein»

Musus künstlerisches Schaffen entfaltete sich zunächst über ihre Lyrik. Doch bald interessierte sie sich auch für Gesang. Anfang 1990 gründete sie mit Musikkolleginnen und Kollegen die Zürcher Band «Sein». In den ersten Jahren ihres Bestehens klang die Band noch nach einer düsteren Version der Neuen Deutschen Welle, was definitiv als Kompliment zu verstehen ist. Dann änderte sich die Stilrichtung nach und nach zu einer Form des deutschen Chanson wie man es aus Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik kennt. Marlene Dietrich und Bertolt Brecht/Kurt Weill lassen grüssen.
Einst wollt ich Liebe ohne Kummer
Morgens Austern, abends Hummer
Wollt im Sommer schlittschuhlaufen
Und den Michael Ballack kaufen
Strophe aus «Das süsse Leben» der Band «Sein»
Während man in der Schweizer Musikszene bevorzugt den jeweils eigenen Dialekt zelebriert, singt Musu auf Hochdeutsch. «Schon als reine Lyrikerin war ich gewohnt, meine Gedanken und Gefühle auf Hochdeutsch auszudrücken. Liedtexte sind ja nichts anderes als mit Musik untermalte Lyrik» erklärt sie mit ihrer einzigartig rauchig-tiefen Stimme. Natürlich spricht sie im Alltag immer auf Züridütsch. Andererseits ist ihre Affinität zum grossen nördlichen Nachbarland und seiner Kultur offensichtlich, was sich nicht nur durch ihren Musikstil ausdrückt. So lebte sie in den 90er-Jahren ein ganzes Jahr lang in Berlin, macht regelmässig Urlaub in Deutschland und ist begeisterte Anhängerin vom FC Bayern München.

In den letzten 35 Jahren hat «Sein» vor allem in Zürich sehr viele Konzerte gegeben, darunter auch legendäre Auftritte im Kaufleuten, El Lokal oder Moods. Sechs LPs, eine EP, und eine Demo-CD hat die Band mittlerweile veröffentlicht (Discographie; Shop). Dadurch hat sie in der Schweiz über die Zeit eine gewisse Bekanntheit erlangt, allerdings reichte es bisher nicht für den ganz grossen Durchbruch. «Was nicht ist, kann ja noch kommen. Ab August werden wir wieder auftreten», verrät mir Musu mit einem Augenzwinkern.
Meyer’s Bar

Im November 2000 eröffnete Musu mit ihrer Schwester Beatrice dann in Wiedikon bei der Haltestelle Lochergut die Bar, die ihren Namen trägt. Erst vor wenigen Wochen wurde das 25-jährige Bestehen gefeiert. Dem Gebäude sah man schon zur Eröffnung sein Alter und vulnerablen Zustand an. An den Hauswänden dominieren heute wilde Graffiti, während drinnen alles liebevoll und gemütlich eingerichtet ist. Der Barraum wurde später durch den obligatorischen Einbau einer Entlüftunganlage noch einmal ein Stück kleiner als er schon war.

Die Bar ist mehr als ein Ort zum Trinken. Sie ist Treffpunkt, Zuflucht, und eine Art gemeinsamer Wohnstube, in der Geschichten ausgetauscht, politisiert oder philosophiert wird. Neue Kontakte werden geknüpft und bestehende Freundschaften gepflegt. Am frühen Abend trifft man seit ehedem in der Regel nur wenige Gäste an. Diese wenigen Menschen waren aber meist schon immer Stammgäste aus dem Quartier – eine kunterbunte Mischung jeden Alters, Geschlechts, Abstammung, Bildungsgrades, Kleidungsstils und körperlichen Zustandes.
Alle Gäste – damals wie heute – werden mit der gleichen Freundlichkeit und Herzlichkeit empfangen. Niemand wird ausgeschlossen. Manche Stammgäste kennt man schon seit über 25 Jahren. Erstaunlich wie wenig sich Meyer’s Bar über die Zeit verändert hat, nur bei den langjährigen Gästen kamen ein paar Falten, graue Haare und das ein oder andere Wehweli hinzu.
Beschreibungen der oberen Bilder: Blick hinter die Bar (Foto Andreas Schenzle) | Wandmalerei neben der Bar im Meyer’s (Foto Meyer’s) | Logo Meyer’s (Copyright Meyer’s) | Meyer’s Aussensitzbereich in der Meinrad-Lienert-Strasse (Foto Andreas Schenzle)
Zu jedem Jahrestag der Bareröffnung gibt «Sein» ein Livekonzert im Meyer’s, immer ein sehr beliebtes Happening. Hin und wieder an Sonntagen beglückt uns Musu auch mit Konzerten in kleiner Formation. So richtig voll wird die Bar regelmässig freitags oder samstags, wenn es auf Mitternacht zugeht. Bis zur Schliessung um vier Uhr leert sie sich dann nur langsam. So mancher Gast hat schon auf einer Bank der nahen Haltestelle ein Nickerchen gemacht bis seine Tram aus dem Kalkbreite-Depot eintraf.

Jetzt droht aber ein Ende des idyllischen «Bar-Seins». Anfang Februar berichtete u.a. der Tagesanzeiger, dass die gesamte Häuserzeile um das Meyer’s abgerissen werden soll. Diskutiert wird u.a. die Möglichkeit, dass die Bar später im geplanten Neubau weiterbetrieben werden kann. Das Meyer’s in einem Neubau? Das ist schwer vorstellbar. Musu bleibt jedoch trotzig-optimistisch und gibt Entwarnung: «Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Bauprojekt für das Areal scheitert. Bisher haben wir noch keine Kündigung erhalten».
Ja, das Ende ist nah, das Ende ist nah, das Ende ist nah, so nah
Schau, schon steht es da, ja, schon steht es da, ja, schon steht es da
Refrain aus «Das Ende ist nah» der Band «Sein»
Autor: Andreas Schenzle, ein Bargast der ersten Stunde











