Hannibals Elefanten brauchten keine Ohrenwärmer
- Quartierverein Wiedikon

- 30. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Keine Frage: Die Klimaerwärmung ist real. Es ist auch zweifellos notwendig, dass die Menschheit Massnahmen ergreift, um sich auf die Auswirkungen des Wandels einzustellen und die vom Menschen verursachten Ursachen bestmöglich zu beseitigen. Diskutabel ist dagegen, welche Massnahmen für die Schweiz ökologisch und ökonomisch sinnvoll sind. So wird zum Beispiel das von der Stadt Zürich initiierte Pilotprojekt Netto-Null Alt-Wiedikon/Binz vom Quartierverein wegen der hohen Kosten und falscher Prioritäten kritisiert.
Um der Quartierbevölkerung das heisse Thema näherzubringen und mit ihr zu diskutieren, hatte der Quartierverein den bekannten Wetterfrosch und Wiediker Ehrenzunftmeister Felix Blumer eingeladen, sein Referat «Ökologisch denken – ökonomisch handeln» zu halten. Das Interesse an der von Vorstandsmitglied Maria Giannoccolo tadellos betreuten Veranstaltung vom 27. Januar 2026 im Seniorama Burstwiese war wesentlich grösser als die Zahl der angebotenen Plätze.
Nachdem alle der knapp 50 Gäste einen freien Stuhl gefunden hatten, ergriff QV-Präsident Urs Rauber das Wort, und stellte den Referenten vor. Nach seiner Promotion an der ETH Zürich arbeitete der Meteorologe unter anderem als Informationschef der nationalen Alarmzentrale, bevor er 21 Jahre lang bis letzten Herbst bei SRF Meteo tätig war. Daneben hat Felix Blumer seit 2005 bis heute eine eigene Firma für Wettervorhersagen, Klimareferate, und Krisenkommunikation. Nicht zuletzt arbeitet er als erfahrener Reiseleiter und seit neuestem als Wetterbotschafter auf dem Säntis.
Die Sitzreihen füllen sich schnell
Felix Blumer erklärt die starke Erwärmung in der Nordpolar-Region
Blumer startete seinen Vortrag mit der Bemerkung, dass er neben seinen vielen Aktivitäten und Verpflichtungen auch Mitglied im Quartierverein sei. Seinem rhetorischen Talent und seiner langjährigen Erfahrung als Moderator war es zu verdanken, dass das Publikum bis zum Schluss aufmerksam blieb. Und das obwohl der Vortrag etwa eine Stunde lang war, sehr detailliert und angereichert mit zahllosen Tabellen, Kurven und Statistiken.
Für sein Referat holte der Meteorologe sehr weit aus. Dass das Erdklima in seiner über vier Milliarden Jahre langen Geschichte massive Temperaturschwankungen erfahren hat, sollte vielen bereits aus der Schule bekannt sein. Nach Ende der letzten Eiszeit vor rund 11ˈ000 Jahren war es überwiegend deutlich wärmer als heute. Blumer: «Hannibals Elefanten mussten bei ihrer Alpenüberquerung keine Ohrenwärmer tragen.»
Der Meteorologe wies darauf hin, dass in der aktuellen Klimadiskussion nur die Temperaturentwicklung seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Bedeutung sei. «Mit hoher Wahrscheinlichkeit beträgt der menschlich verursachte Anteil an der Erderwärmung etwa 60%», erklärte der Experte. Er machte auch auf den Widerspruch aufmerksam, dass die menschlichen Bemühungen zur Luftreinhaltung (Reduktion von Sulfatpartikeln in der Atmosphäre) «dummerweise» zur Erderwärmung beitragen, indem sie nämlich die Sonnenstrahlen nicht mehr reflektieren.
2023, 2024 und 2025 waren die drei wärmsten Jahre der neueren Geschichte. Sie lagen im Schnitt der drei Jahre mehr als 1.5°C über dem Wert der vorindustriellen Zeit, womit das obere Limit des Pariser Klimaabkommens von 2015 schon überschritten ist. Die Erderwärmung beschleunigt sich, denn für den Zeitraum ab 1961 wurde für die Schweiz eine Erwärmungsrate von 0,42°C alle zehn Jahre ermittelt. Vor allem in Städten und insbesondere für ältere Menschen nimmt das Risiko gesundheitlicher Probleme wegen der Hitze enorm zu.
Die Zuhörerschaft ist von Referent und Referat gefesselt
Der Experte beschwört den Weg einer Anpassungsstrategie
Felix Blumer zeigte im weiteren auf, dass die Erwärmung auch einen Einfluss auf die Niederschläge hat. So nehmen die Extreme – lange Phasen von Trockenheit und Nässe sowie Starkniederschläge – zu. In Verbindung mit der Versiegelung der Böden könnten Starkniederschlags-Ereignisse zu massiven Überschwemmungen führen. Das Abtauen der Gletscher und das Auftauen der Permafrostböden in den Schweizer Alpen berge das Risiko weiterer Bergstürze wie zuletzt in Blatten.
Am Ende ging der Experte auf die derzeit angestrebten Lösungen zur alternativen Energiegewinnung, CO₂-Reduktion und mögliche zukünftige Technologien ein. Seiner Ansicht nach sind Photovoltaik und Windkraft für die Bedingungen in der Schweiz nicht optimal. Er ist jedoch ein Fan des Ausbaus von Wasserkraft. Vom Bau neuer Atomkraftwerke hält er wenig, favorisiert aber die sich in der Entwicklung befindlichen Kleinreaktoren mit geringer Strahlungsgefährdung.
Felix Blumer hat auf jede Frage eine Antwort
Die Schlussfolgerungen des Vortragenden sind durchaus provokativ: «Für das globale Klima ist es unerheblich, ob die Schweiz ihren CO₂-Ausstoss senkt. Denn ihr Anteil beträgt nur 1 Promille des globalen Treibgasausstosses.» Unser Land sollte besser eine technologische Initiative zur Lösung des Problems starten («CO₂-Silicon-Valley»). Statt einer Ausstiegsstrategie plädiert Blumer für eine Anpassungsstrategie.
In der anschliessenden Diskussion bemerkte man, dass die eine oder andere Person gut vorbereitet zur Veranstaltung kam. So wunderte sich eine Zuhörerin, dass das Thema Geothermie überhaupt nicht angesprochen wurde. Eine andere Person vertrat die Meinung, dass eine Reduzierung des Fleischkonsums durchaus dazu beitragen könne, den CO₂-Fußabdruck zu verringern. Die Idee eines Einsatzes von Kleinreaktoren in der Schweiz löste bei Manchen Skepsis aus.
Wer weiss wie sich die Diskussion entwickelt hätte, wenn die eingeladenen Vertreter des Pilotprojekts Netto-Null anwesend gewesen wären. Urs Rauber drückte explizit seine Verwunderung darüber aus, dass kein einziger Vertreter dieses Projekts erschienen war. So war es auch nicht weiter tragisch, dass der Vortrag nicht spezifisch auf die Aktivitäten des Wiediker Pilotprojekts einging.

Eine klimaschonende Apéro-Option

Angeregtes Gespräch beim Apéro riche

Referent Felix Blumer (links) und QV-Präsident Urs Rauber im Gespräch mit Teilnehmerinnen
Insgesamt war die Stimmung sehr gelöst und wohlwollend. Man bekam den Eindruck, dass die meisten Anwesenden die Ansichten von Felix Blumer teilten. Der hervorragende Apéro riche der Seniorama Burstwiesen-Küche mit veganer Option wurde rundherum geschätzt. Es war der harmonische Ausklang eines interessanten und anregenden Abends.



