Das Albisgüetli – ein spannender Ort in Wiedikon
Aktualisiert: vor 22 Stunden

Zugegeben - das Albisgüetli haben wir bisher wirklich stiefmütterlich behandelt. Woran mag das nur liegen?
Dass die Schützengesellschaft und das Gasthaus noch keine Mitglieder im Quartierverein sind? → Nein, so kleinkariert denken wir nicht.

Dass die SVP dort ihre grosse alljährliche Tagung abhält? → Nein, nur ein Quartierverein, der tolerant und offen für alle Gesellschaftsströme ist, ist ein guter Quartierverein.
Oder dass wir trotz Verjüngung noch keine Mädels oder Knaben im Verein haben, die beim Schützenfest mitmachen? → Achwo – es gibt doch jede Menge Altschützinnen und Schützen im Quartier, und sicher auch unter den Mitgliedern des Quartiervereins.
Aber warum gibt es bei uns noch so gut wie keine Berichte über eine der wichtigsten Lokalitäten im Quartier, wo jährlich mit dem Knabenschiessen wohl das bekannteste Schützenfest der Schweiz einschliesslich Chilbi stattfindet? → Die Antwort lautet: "Ich weiss es einfach nicht."
Fakt ist, dass das Albisgüetli ein bedeutender Ort für den Zürcher Schiesssport, traditionelle Vereinsanlässe und städtische Volkskultur ist. Deshalb möchte ich heute den Anfang wagen, und eine erste Einführung übers Albisgüetli geben.
Schützengesellschaft Zürich und die Schiessanlage Albisgüetli
Im Jahr 1898 zog die Schützengesellschaft der Stadt Zürich vom Sihlhölzli ins damals neu erbaute Schützenhaus am Fuss des Üetliberges. Seit 1899 findet das jährliche Zürcher Knabenschiessen – eines der bekanntesten Volksfeste Zürichs – auf dem Gelände statt.
Die Verlängerung der Tramlinie von der Sihlbrücke zum heutigen Endhalt «Albisgüetli» im Jahr 1907 wurde durch die Schützengesellschaft finanziert – vermutlich, weil die Stadt damals noch nicht in Geld schwamm. Den Schützen war es auf Dauer verständlicherweise zu mühsam, die etwa zwei Kilometer einschliesslich etwa 90 Höhenmeter zu gehen, um die Schiessanlagen zu erreichen.

Die Schiessanlage Albisgüetli am Ende der Üetlibergstrasse ist eine der traditionsreichsten und grössten Schiessanlagen der Schweiz. Im Jahr 1963 wurde der alte Schiessstand durch einen grossen Betonbau mit neuen Anlage für alle modernen Schiessdisziplinen ersetzt. Die Anlage galt damals als eine der modernsten der Schweiz: 120 Scheiben auf 300 m und 62 Scheiben auf 50 m waren für die Zeit aussergewöhnlich gross dimensioniert. Später kam noch die 25-m-Pistolenanlage dazu. (SGZ). Heute umfasst die Anlage Schiessstände für:
Gewehr 300 m
Gewehr 50 m
Pistole 25/50 m
Luftdruckwaffen

Seit dem Umbau im Jahr 2007 befinden sich im dritten Geschoss des Gebäudes keine Schiessstände mehr. Hier ist die Stadtjugendmusik Zürich untergekommen. Ausserdem findet man in diesem Geschoss die öffentlich zugängliche Panorama-Stube mit Blick über Zürich (Swiss-Architects).

Die Firma Ecosens fand in ihrem von 2021 bis 2022 im Auftrag von Grün Stadt Zürich durchgeführten Projekt heraus, dass die Bodenbelastungen im Bereich der Schiessanlagen beträchtlich sind. Auf einer Fläche von rund 6.5 Hektar wurden vor allem Belastungen mit Blei festgestellt, die auf das langjährige und viele Schiessen zurückzuführen sind. Die Kosten für die Altlastensanierung werden auf rund 20 Millionen Franken beziffert. Ob und wann die Sanierung in Angriff genommen wird, liess sich auf der Website von Ecosens nicht herausfinden.
Das Schützenhaus Albisgüetli mit Festsaal und Gasthaus

Gleich neben den Schiessanlagen findet sich das Schützenhaus und gehört zu den bekanntesten historischen Gaststätten der Stadt. Viele verwechseln das historische Gebäude mit Turm, Restaurant und Festsaal mit der eigentlichen Schiessanlage. Ob es im Gebäude deswegen schon zu Schiessereien gekommen ist, ist mir allerdings nicht bekannt.
Das Schützenhaus wurde 1897–1898 von den Architekten Richard Kuder und Josef Müller im historistischen Stil erbaut. Charakteristisch sind die burgähnliche Architektur, der grosse Festsaal (mit Platz für bis zu 1’200 Personen) und die Nähe zur Schützentradition Zürichs. Die letzten umfangreichen Sanierungen und Restaurierungen erfolgten im Jahr 2019.
Das Restaurant gibt sich familienfreundlich und verfügt über Spielbereiche sowie Sonntagsbrunch-Angebote. Das Gasthaus ist bekannt für traditionelle Schweizer Küche wie Zürcher Geschnetzeltes, Kalbsleber und Tafelspitz – offensichtlich kein Paradies für Veganer. Nach einem kurzen Blick auf die Speisekarte könnte ich immerhin das Ofenkürbis-Gericht essen, und Mittwoch z'Mittag gibts sogar «Planted Geschnetzeltes nach Zürcher Art auf Nudel-Schnittlauchnest».

Das Schützenhaus ist auch ein beliebtes Lokal für private Anlässe. Bekannt ist es aber vor allem durch diverse Grossveranstaltungen, darunter internationale Country-Music-Festivals, andere Konzertreihen und – wie schon erwähnt - die jährliche «Albisgüetli-Tagung» der SVP, bei der höchstens mit scharfen Worten geschossen wird.
Der Platz im Festsaal für 1’200 Personen reicht übrigens nicht aus, um alle Mitglieder des Quartiervereins unterzubringen. Da muss das Schützenhaus noch anbauen.
Text und Fotos: Andreas Schenzle
Recherche und Bereitstellung von Informationen: Andreas Wäfler



