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Binz stockt auf

  • Junker Kerstin (QVW)
  • vor 12 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Begehung am 16. April sowie 18. April 2026


Inmitten einer der pulsierendsten Gegenden des Quartiers – der Binz - lädt der Quartierverein Wiedikon zu einer Begehung ein. Und was könnte es in Zeiten der städtischen Verdichtung Aktuelleres geben als den Fokus auf die Gebäudedächer und ihre Aufstockungen zu richten. Wie die gesamte Stadt unterlag auch die Binz in den letzten Jahrzehnten einem stetigen Wandel und einer ständigen Transformation. Bei dieser Führung, zu der uns der Architekt Alois Diethelm zusammen mit der Biografin und Journalistin Karoline Wirth eingeladen haben, wollen wir auf besagte Spurensuche gehen und uns auf den Dächern neue Orientierung und Erkenntnisse verschaffen. 


Treffpunkt Bahnhof Binz
Treffpunkt Bahnhof Binz

Bestens vorbereitet
Bestens vorbereitet

Treffpunkt an diesem sonnigen Nachmittag ist der Bahnhof Binz. Zu dieser Tageszeit wird einem  bewusst wie geschäftig dieser Stadtteil ist. Dass wir hier in einer Zürcher Rarität stehen ist sofort zu spüren, sind doch nur 5% der Stadt dem Industrie- und Gewerbegebiet zugeschlagen. Und so strömen denn auch zu dieser Rushhour Arbeiter und Kreative aus den grossen Gebäudevolumen in Scharen herbei und lassen sich quasi per SZU-Express in ihre Wohnquartiere bringen. 

Dass hier am Treffpunkt bis vor über 150 Jahren ausser Lehmabbau- und verarbeitung kaum etwas anderes vorzufinden gewesen sein soll, ist kaum zu glauben. So beginnt die Geschichte der Binz ab 1865 mit der Grundsteinlegung fünfer Ziegeleien wie Binz, Tiergarten und Giesshübel, die sich bis 1912 zu den Zürcher Ziegeleien zusammenschlossen und zum Teil bis in die 1970er Jahre Bestand hatten. Erst im Laufe der 1930er Jahre kamen dann weitere Produzenten, wie der Konditoreibedarf Hans Kaspar AG, Hammer Metallbau oder Nähmaschinenproduzent Pfaff, hinzu. Und fortan sollte dieser Stadtteil so richtig an Fahrt aufnehmen. Ihren prägenden industriellen Charakter konnte die Binz dabei bis heute erhalten. Dies hat sie vor allem zwei Umständen zu verdanken. Zum einen ist sie als «Innere Binz» im Zonenplan ausschliesslich als Industrie – und Gewerbegebiet ausgewiesen, was soviel bedeutet wie, dass lautstark produziert werden darf. Zum anderen beschränkt die Bau- und Zonenordnung (BZO) seit 2019 den Büroanteil, was den Erhalt des produzierenden Gewerbes sichert. Alois Diethelm, der in seiner Funktion als Architekt auch im Vorstand der SIA-Fachgruppe für den Erhalt von Bauwerken (FEB) tätig ist, weiss, auf diese Weise kann viel Bauzeitliches erhalten werden. 

Uns vom Bahnhof Binz langsam weiterbewegend, finden wir feine Linien im Boden, die auf die einstige Infrastruktur hinweisen. Ehemalige Gleise, die mittlerweile mit Asphalt ausgefüllt sind, führen vom Bahnhof Binz direkt in das Gebiet hinein, entlang an vielen Gebäuden mit Laderampe. Ein leicht aufkeimender Ansatz von Begrünung ist hier in den Hinterhöfen zwischen den hauptsächlich versiegelten Flächen zu entdecken. Und während die Freiräume versuchen eine ganz eigene Attraktivität zu schaffen, entwickeln sich mit den Gastronomieangeboten weitere, neue Subkulturen.


Einstige Infrastruktur
Einstige Infrastruktur
Aufstockung Color Metal AG 1
Aufstockung Color Metal AG 1
Aufstockung Color Metal AG 2
Aufstockung Color Metal AG 2

Wir lösen unsere Blicke von diesen archäologischen Betrachtungen und lassen sie entlang der Industriefassaden der 1930er bis 1950er empor wandern. Dabei hält die oberste Etage bei genauerer Betrachtung plötzlich so manche Überraschung bereit. Viele der ursprünglichen Bauten sind nochmal mit kunstvollen sowie raffinierten Aufstockungen ergänzt. Das über den Dächern der Binz vorhandene Potenzial hat dabei scheinbar ganz eigene Freiheiten anzubieten. 

So wurde zum Beispiel das ehemalige Werkgebäude der Color Metal AG mit einem farbintensiven Sheddach erweitert. Dabei hat das Baubüro in situ grossformatige Fenster verbaut, deren Gläser eigentlich für ein anderes Bauvorhaben gedacht waren, jedoch mit falschen Eigenschaften geleifert wurden. 


Überraschungen über den Dächern
Überraschungen über den Dächern
Hoch hinaus
Hoch hinaus
Stahlbau in natura
Stahlbau in natura

Andernorts führt die Frage nach einem geeigneten leichten Baumaterial zu einem markanten Erscheinungsbild. So wurde auf das Werkgebäude der Hans Kasper AG eine Büroerweiterung mithilfe einer Stahlkonstruktion, geplant von dem Büro Meier Hug Architekten, obendrauf gesetzt. Da in diesem abschliessenden Geschoss reduzierte Anforderungen an den Brandschutz bestehen, konnten die Stahlträger und -stützen hierbei natürlich belassen werden.  

Auch bei der Aufstockung auf das Lagerhaus Oscar Weber, von Stücheli Architekten, spielte die Materialwahl eine entscheidende Rolle. Der Supertanker, wie diese Aufstockung getauft wurde, wurde in einer Elementbauweise in Holz ausgeführt, welche auch die Innenraumwirkung bestimmt. Bei dieser architektonischen Qualität wurde man jedoch von einem Eindruck besonders überrascht: Ein freier, sonniger Blick zum Uetliberg und in die Glarner Alpen brachten die Natur plötzlich ganz nah bis in die Binz.

Mit diesen Ein- und Ausblicken endete die Führung. Bei einem abschliessenden Apéro in Alois Diethelms Büro konnte sich noch rege ausgetauscht und in historischen Kochbüchern rumgestöbert werden.


Freie Ausblicke
Freie Ausblicke
Diskussionsgrundlagen 
Diskussionsgrundlagen 

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