"Wer einen Neuen bringt, bekommt ein feines Essen!"
- Mitarbeiter des KITQV Support
- 4. Jan. 2019
- 3 Min. Lesezeit
Aus der Geschichte des Quartiervereins (3)
Fuhrhalter G. Stiefel beklagt sich, seit seinem Vereinseintritt 1917, 'vom Quartierverein nichts mehr gehört zu haben'. Schreiben vom 15. Mai 1919 an Quartiervereinspräsident Kaspar Koller
Die Mitgliederadministration des Quartiervereins liess in den Anfängen zu wünschen übrig. Erhalten ist zum Beispiel das Schreiben von Fuhrhalter G. Stiefel, Uetlibergstrasse 20, der Präsident Koller am 15. Mai 1919 daran erinnerte, dass er "seit Zustellung der Mitgliedkarte 1917 leider vom Quartierverein nichts mehr gehört habe". Er würde sich freuen, in Zukunft Einladungen und "Nachnahme" – zum postalischen Einzug des Mitgliederbeitrages – zu erhalten.
Der Jahresbeitrag für den Quartierverein betrug anfänglich CHF 3, zwischen 1936 und 1949 gar nur CHF 2.50. Im Normalfall holte ein „Einzüger“ den Barbetrag bei den Mitgliedern zuhause ab oder zog ihn an Versammlungen ein. Später und bei Mahnungen säumiger Zahler wurde er per Postnachnahme erhoben. Die Mitgliedsbeiträge blieben fast fünf Jahrzehnte auf diesem bescheidenen Niveau. Auch juristische Personen (Firmen und Vereine) bezahlten denselben Beitrag. Erst an der Generalversammlung 1976 wurde er für Einzelmitglieder von CHF 3 auf CHF 5 angehoben, für juristische Personen bereits ab 1970 auf CHF 20. In einem weiteren oder zwei Schritten wurde der Jahresbeitrag für Einzelmitglieder zwischen 1976 und 1994 auf CHF 20 erhöht. Auf diesem Niveau ist er bis heute (2019) ein Vierteljahrhundert lang geblieben.
Einzug des Mitgliedschaftsbeitrages von CHF 3 per Nachnahme, 10. Juli 1933
1936 wurde der Jahresbeitrag auf CHF 2.50 gesenkt. Dennoch verweigern einige Mitglieder die Bezahlung, 2. Juli 1936
Handschriftliche Liste der Mitgliedermutationen für das Jahr 1938, geordnet nach dem Anfangsbuchstaben des Familiennamens
Zum Mitgliederbestand des Vereins in den ersten Jahren fehlen detaillierte Zahlen. Im dritten Jahr seines Bestehens (1919) soll der Verein bereits gegen 500 Personen gezählt haben. Damals betrug die Einwohnerzahl Wiedikons (Kreis 3) 30'900 Personen; das heisst, rund 1,5 Prozent der Bevölkerung gehörten dem Quartierverein an. Die erste exakte Zahl stammt vom 1. Januar 1930: Damals zählte der Quartierverein 560 Mitglieder. Auch wenn wir nicht lückenlos Bescheid über die jährlichen Mutationen wissen, ist doch die ungefähre Entwicklung seit 1930 aus den Akten ablesbar:
1930 560 Personen
1936 485 Personen
1940 522 Personen
1949 555 Personen
1958 517 Personen
1962 487 Personen
1965 501 Personen
1970 623 Personen
1974 713 Personen
1977 991 Personen
1981 1065 Personen (Höchststand)
1983 1045 Personen
1989 848 Personen
1993 715 Personen
(1994-2015 keine Zahlen vorhanden)
2016 470 Personen (Tiefststand)
2017 615 Personen
2018 731 Personen
Der vorletzte Präsident des Quartiervereins Ernst Hänzi (2008 bis 2017)
Zwischen 1994 und 2015 wurden keine Zahlen mehr veröffentlicht. Der Grund dafür ist nicht bekannt. An der Vorstandssitzung vom 22. März 1994 rief Präsident Laurenz Styger die Vorstandsmitglieder dazu auf: "Jedes Vorstandsmitglied soll bis zur nächsten Generalversammlung 10 Mitglieder werben. Wer am meisten Mitglieder wirbt, bekommt auf dem Uto-Staffel ein feines Essen." Trotz des Aufrufes setzte jedoch in den 1990er und 2000er Jahren ein langsamer Rückgang ein – bis zum Unterschreiten der 500er Grenze (ab ca. 2012/13). Im Frühjahr 2017 fand kurz vor der 100-Jahr-Feier des Quartiervereins ein Präsidentenwechsel statt: von Ernst Hänzi (2008-2017) zu Urs Rauber. Im darauffolgenden Jahr 2018 wurde der Vorstand personell kräftig erneuert. Seither wächst die Mitgliederzahl wieder konstant. Bei der aktuellen Bevölkerungszahl Wiedikons von 50'042 Personen (Ende 2017) erreicht der Mitgliederbestand heute mit rund 730 Personen fast wieder den Anderthalb-Prozentanteil von 1917.
Am 7. März 1974 werden erstmals zwei Frauen in den Vorstand des Quartiervereins gewählt (Traktandum 2.3.)
Obwohl Frauen von Beginn weg in den Verein aufgenommen wurden – eine damals fortschrittliche Praxis –, blieb der Vorstand während der ersten 57 Jahre ein reines Männergremium. Unter der Präsidentschaft von Walter Kronbichler wählte die Generalversammlung am 7. März 1974 die ersten beiden Frauen in den Vorstand: die Verwaltungsbeamtin Anne Chanson, die damals im Triemli arbeitete, und Nina Larcher, Mitinhaberin der Firma Larcher & Co. Wollgarne en gros. Anne Chanson wurde später Vizepräsidentin des Quartiervereins, Nina Larcher wirkte als Aktuarin. Anne Chanson lebt noch heute hochbetagt in einem Zürcher Altersheim. Zu den bekannteren Vorstandsfrauen in den 1980er und 1990er Jahren zählten Rosmarie Steiner, Livia Rietschi, Hedy Schwyn und Madeleine Antosiewicz. Der aktuelle Vereinsvorstand (für 2018-2020) besteht aus 12 Personen: fünf Frauen und sieben Männern. Der Aufbruch ins zweite Jahrhundert des Quartiervereins scheint gelungen.
Vorstand des Quartiervereins im Jubiläumsjahr 2017. Stehend v.l. Raphael Kobler, Roland Scheck, Urs Rauber, Ronald Schmid, Christoph Holenstein; sitzend Beat Oberholzer, Ulrike Trinks, Denise Walker, Monika Widmer.
Ende der dreiteiligen Serie "Aus der Geschichte des Quartiervereins"
Recherche und Text: Urs Rauber, Quartierverein Wiedikon, 2018
Aus der Geschichte des Quartiervereins
Teil 1: Malermeister, Ehrenzünfter, "Bürgermeister von Wiedikon"Teil 2: Der produktive Wiediker FilzTeil 3: "Wer einen Neuen bringt, bekommt ein feines Essen!"










