top of page

Was steckt hinter dem Wiediker Wappen?

  • Mitarbeiter des KITQV Support
  • 21. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Apr.

Das einzigartige rot-weiss-gelb-blaue Wiediker Wappen ist exakt 351 Jahre alt. Das wissen wir aus einer Publikation von Paul Etter, dem legendären Dorfhistoriker aus Wiedikon. Paul Etter war von 1944 bis 1972 Pfarrer der reformierten Kirche Bühl und jahrzehntelang Lokalchronist des Bauerndorfs am Fuss des Uetlibergs. Im Auftrag der Ortsgeschichtlichen Kommission des Quartiervereins gab er mehrere Bücher zur Wiediker Geschichte heraus. Das letzte war «Wiedikons Hausgeschichten» im Jahr 1994. Verstorben ist der 1909 geborene Etter in einer Berner Mittellandgemeinde, Todesjahr unbekannt.

Etters 32 Seiten starkes Büchlein «300 Jahre Wappen von Wiedikon» erschien 1974 im Verlag der Buchdruckerei Wiedikon AG, die damals neckischerweise am Hegibachplatz (Kreis 7) zuhause war. Es ist längst vergriffen, konnte aber über Ricardo von zwei Vorstandsmitgliedern aufgestöbert und dem Quartiervereinspräsidenten, ebenfalls Historiker, zugänglich gemacht worden.

Wenn Paul Etter etwas anpackte, tat er es mit Ausdauer und pedantischer Gründlichkeit. Das zeigt allein das Inhaltsverzeichnis des physisch dünnen Buches: es umfasst über 30 Kapitel und Unterkapitel von der Beschreibung des Wappens über die Sprache der Heraldiker (Wappenforscher), historische Hintergründe, Adelsfamilien, Wappentiere und «Kleinodien» bis zu ein paar kritischen Seitenhieben auf andere Historiker und Experten.

In Kürze geht die Geschichte so: Die Bauernsiedlung Wiedikon wurde im 7. Jahrhundert gegründet und von seinem späteren Besitzer Berchtold, der «wahrscheinlich Chorherr am Grossmünster und Hofkaplan Kaiser Karls III» war, der Abtei Fraumünster vermacht. Zwei Bauerngüter – der Meierhof und der Kehlhof (der bis 1899 bestand) – zogen die geschuldeten Abgaben ein und lieferten sie dem Kloster ab. Mit anderen Worten: Wiedikon wurde ein königliches Lehen, stand also in einem Pachtverhältnis zum neuen Besitzer beziehungsweise zur Besitzerin, der Fraumünster-Äbtissin. Die Reichsvogtei Zürich verwaltete auch mehrere andere Vogteien. Gemäss Paul Etter galt Wiedikon vom Jahr 1000 bis 1491 als Königshof. Das zu verstehen ist wichtig, weil es die Ursprünge des Dorfwappens erklärt.

Beim Wiediker Wappen handelt es sich um einen geteilten Reichsapfel mit goldigem Band und aufgesetztem goldigen Kreuz. Der Reichsapfel erinnert an das einstige königliche Lehen, das Kreuz an das christliche Reich der Karolinger Könige.   Ausführungen nach Paul Etter: 300 Jahre Wappen von Wiedikon 1674-1974, hrsg. vom Quartierverein Wiedikon, Zürich 1974. 

In einer Urkunde im Zürcher Staatsarchiv wird erwähnt, dass der Königshof Wiedikon 1259 an das Kloster Selnau verkauft worden sei. Das Wiediker Wappen taucht erstmals 1674 im Wappenbuch des Kunstmalers und Kupferstechers Hans Conrad Meyer auf (der nichts mit dem späteren Dichter C.F. Meyer zu tun hat). Existierten in früheren Zeiten nur wenige Wappen, nahm deren Zahl im 19. Jahrhundert zu. Eine eigentliche Inflation von Gemeindewappen entwickelte sich in der Zeit der Geistigen Landesverteidigung. Prägend dafür war der «Höhenweg» der Schweizer Landesausstellung von 1939 mit seinen über 1’500 bunten Gemeindewappen.

Das Wiediker Wappen gehört zu den ältesten Emblemen in Zürich. Im Weinkeller des alten Gasthofs Falken war es 1752 in Holz gehauen worden, ist heute allerdings von einem Schalenschutz verdeckt. Ein Jahrzehnt später wurde es 1764 am Brunnen vor dem Bethaus Wiedikon (Schlossgasse 10) eingemeisselt. Es ist heute noch an diesem Ort zu sehen. Viel später wurde das das Hoheitszeichen auch beim Brunnen am Döltschiweg 1, am Eingang zum Pfarrhaus an der Wiedingstrasse 3, an der Fassade des Ortsmuseums (Steinstrasse 8) und beim unteren Eingang zum Seniorama im Tiergarten (Sieberstrasse 10) angebracht.

Der spektakulärste Wiediker Apfel aber stand ab 1964 unübersehbar auf dem 1970 abgerissenen alten Tramhäuschen bei der Schmiede Wiedikon. Die beleuchtbare Kunststoffkugel ging auf eine Initiative von Coiffeurmeister Herbert Steiner («Onkel Herbi») zurück. Dieser hatte mit Kindern 1964 einen Flohmarkt organisiert, dessen Erlös den Kunststoffapfel finanzierte. Allerdings hätte es gemäss Paul Etter ein Mehrfaches des erzielten Betrages gebraucht, dass das Werk «auch in geschmacklicher Hinsicht über alle Zweifel erhaben gewesen wäre».

Die Umgestaltung des alten Schmiedeplatzes zur heutigen Tramhaltestelle im Jahr 1970 habe – so Paul Etter – diesem «seinen ganzen Charakter geraubt». Auch der Wiediker Apfel wechselte seinen Standort auf das kleine Flachdach beim damaligen Reisebüro Kuoni (heute Bäckerei Hug) vor dem Hochhaus Birmensdorferstrasse 155. Doch das Verständnis für Heraldik war in den Augen des Lokalhistorikers «nicht überall vorhanden.» An festlichen Tagen wird bis heute die Wiediker Fahne auf der Kollerwiese aufgezogen. Dort besitzt – was fast niemand mehr weiss – der Quartierverein einen Quadratmeter Land. Darauf steht der Fahnenmast, über 350 Tage im Jahr allerdings unbeflaggt.

Weit mehr als der Quartierverein pflegt allerdings die Zunft zu Wiedikon die Tradition des Wiediker Wappens. Dieses kommt nicht nur in all seinen Publikationen vor, sondern auch in den farbenprächtigen historischen Kleidern, die jedes Jahr am Sächsilüte getragen werden. Wappen mit einem Reichsapfel haben auch einige andere Gemeinden, zum Beispiel Visperterminen VS. Aus diesem Grund wird die Walliser Gemeinde bis heute jeweils von der Zunft zum Sechseläuten im April eingeladen.

bottom of page