top of page

Shilas Stammtisch am Goldbrunnenplatz

  • Mitarbeiter des KITQV Support
  • 14. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Apr.

Früher hiess er Joeys Kiosk. Eine Mischung aus Take Away, Kiosk und Kleiderladen – so präsentiert sich der Treffpunkt am Goldbrunnenplatz, wo sich früher eine VBZ-Ticketeria befand. Diese wurde Ende 2018 geschlossen, gegen erbitterten Widerstand aus dem Quartier, wir haben darüber berichtet.

Shila ist auch jene Person, die gerne bei der Aktion «Verschönerung des Goldbrunnenplatzes» mitgemacht hätte, die der Quartierverein zusammen mit der Künstlerin Susanna Jurt vor zwei Jahren initiiert hat. Entstanden ist wegen rechtlicher Hürden nicht die grosse Verschönerungsaktion, aber immerhin eine kleine Pflanzenkiste auf der Mauer hinter dem «Goldbrunnen», betreut von Rita Lustenberger vom Blumengeschäft Fischer. Shila hat auch die Beschädigung des Pflanzenbeets in einer Nachtbubenaktion gemeldet, die im Oktober 2023 passiert ist.

Unvermittelt taucht ein älteres Ehepaar beim Secondhand-Laden auf. «Zwei Taschen Kleider gewaschen», sagt der Mann und übergibt Shila zwei Tragtaschen mit Textilien. Sie wollen kein Geld, Shila bietet ihnen ein Getränk an; doch beide lehnen ab und schlurfen wieder davon. Früher kaufte Shila Kleider aus dem Brockenhaus, doch dort seien die Preise inzwischen zu hoch. Anderes fand sie auf Flohmärkten oder in Italien. Wer etwas vorbeibringe, reinige die Kleider nicht nur, sondern bügle sie sogar. Die besten Kundinnen seien Frauen, Männer kaufen weniger Secondhand-Kleider.  Ausser Daniel W., der auf sein T-Shirt zeigt, eine schwedische Marke: «Das habe ich hier gekauft.»

Witzig erzählt Shila Geschichte um Geschichte von Leuten, die in der Umgebung wohnen und bei ihr Stammgäste seien. Andere gehen zum Beispiel in die Physiotherapie oder zum Arzt. Danach kommen sie an Shilas «Goldbrunnen-Stammtisch», um über ihre Erlebnisse, Sorgen und Nöte zu erzählen. «Wir kennen von vielen die Adresse und Telefonnummer.» Wenn jemand länger nicht mehr komme, würden sie bei ihm zu Hause klopfen oder notfalls die Polizei aufbieten – wenn der Verdacht auftauche, es sei «etwas passiert». Wie eine grosse Familie, wiederholt sie. Für manche sei das Café am Goldbrunnenplatz «mein zweites Zuhause». Als ein Stammkunde – «gleich dahinten», sagt Shila und zeigt auf ein Haus an der Friesenbergstrasse – an einem Herzinfarkt gestorben sei, habe sie dessen Frau getröstet. Nun sei sie ebenfalls Stammkundin geworden, um nicht mehr allein zu sein.

Ein anderer Besucher aus dem Quartier habe sie einmal unbemerkt gezeichnet. Das Bild sei «überraschend gut» und zutreffend. Er sei einer, der gerne in der Sonne sitze und sich manchmal eine Flasche Wein kaufe, die er gut in seinen Kleidern verstecke. Später bringe er die leere Flasche zum Entsorgen zurück, damit seine Frau zuhause nicht vom Alkohol erfahre. An einem anderen Tisch sitzen zwei ältere Herren, der eine wohnt im  Haus des Ballon-Express, der andere fährt jeweils mit dem 67er Bus aus Albisrieden hierher. Er sitzt oft stundenlang bei seinem Weissen und raucht geniesserisch seine Zigarette. Hier darf man das. «Danach muss ich ihm jeweils ein Taxi bestellen», ergänzt Shila.

Ständig kreuzen Passantinnen und Passanten den engen Durchgang zwischen der Treppe zum 32er Bus, dem Kleiderladen und den Cafétischen, was aber offensichtlich niemanden stört. Im Gegenteil, die Betriebsamkeit passt zum «Stammtisch». Auch der Verkehrs- und Tramlärm stört nicht, sondern gehört zum Grundrauschen dieses Ortes. «Siehst Du den kleinen Spatz? Auch er fühlt sich hier wohl», sagt Shila und lacht.

Eine Frau nähert sich dem Secondhand-Laden und winkt dem QV-Präsidenten zu: «Ciao, Urs». Sogleich verwickelt sie Shila in ein Gespräch. Sie zeigt ihr Bilder von Pflegeuniformen eines Zürcher Spitals, die dieses ausmustern will, da eine neue Berufskleidung angeschafft werde. «Hättest Du Interesse an 150 Stück dieser nigelnagelneuen Blusen und Hosen, viele ungebraucht?» fragt sie Shila. Ja, sagt diese, das nehme sie gerne. «Ein Teil kommt gleich in den Shop, den Rest schicke ich als Spende in andere Länder.» Kollegin Maria vom Quartiervereins-Vorstand freut sich, dass eine win-win-Situation entstehe: Das Spital kann einen Kleider-Restbestand gemeinnützig abgeben, Shila bietet neuwertige Ware an und einige Menschen kommen spottbillig zu neuen Alltagskleidern. «Ciao Mary» ruft ein unbekannter Gast ihr nach, als sich Maria verabschiedet.

bottom of page