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Pilotprojekt Wiedikon Netto Null – ein teures Sandkastenspiel

  • Mitarbeiter des KITQV Support
  • 9. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Apr.

Am 25. September wurde im Kreis 3 ein «Netzwerkanlass» der Stadt Zürich durchgeführt, der «Bevölkerung und Unternehmen» im Pilotquartier Alt-Wiedikon / Binz zur Mitwirkung einlädt. Der Anlass fand in der Alprausch Fabrik an der Eibenstrasse 9 im Manessequartier statt. Angeboten wurde ein reichhaltiger Apéro, für den man sich anmelden musste, um «Food-Waste zu vermeiden». Gegen 50 Personen seien erschienen, schildert uns eine Teilnehmerin, «Ihr vom Quartierverein wärt eine Bereicherung gewesen.»

Leicht irreführend ist der Veranstaltungsort. Die Firma Alprausch ist nämlich keine Fabrik, wie man vermuten könnte, sondern eine schicke Eventlocation. Die Miete ihrer Räume und das angebotene Catering sind mit stolzen Preisen verbunden. Gemäss Power-Point-Präsentation (50 Folien) haben dort über ein halbes Dutzend Personen referiert. Neben vier Vertreterinnen der Stadtverwaltung (Gesundheits- und Umweltdepartement, Tiefbauamt) fünf Personen aus mehrheitlich linksökologischen Startups, deren Dienste die Stadt Zürich immer häufiger in Anspruch nimmt: Alprausch (Eventfirma), Urbanista AG (Planungsbüro), Myclimate Schweiz (Lobbyorganisation), Freundliche Grüsse AG (Kreativagentur) und Impact Hub Zürich (Network Community). Mit dabei sind auch eine Fotografin und eine Filmerin, die das Treffen dokumentieren. «Ein toller Anlass», schwärmt eine Anwohnerin, die dabei war.

Zum Thema Angebote für die Bevölkerung sprach Urbanista-Geschäftsführer Thomas Hug: Am 3. November starte eine Ideensammlung für ein Partizipatives Budget. Eingereicht werden könnten lokale Projekte zur Reduktion von Treibhausgasen. Ein Vorschlag, den der Quartierverein bereits in seiner Stellungnahme vom Juni 2025 kritisch beurteilt hat: «Das tönt zwar gut, lädt aber wie beim Projekt "Stadtidee" vor ein paar Jahren zum Missbrauch ein.» Selbsternannte Klima-Aktivisten würden animiert, eigene Projekte zu erfinden und durch die Stadt finanzieren zu lassen. Wo bleibt die inhaltliche Qualitätskontrolle? Wo die kritische Begleitung durch Nachbarschaft und Quartier?

Gemäss Erfahrungen des Quartiervereins melden sich auf solche «Ideensammlungen» nicht Entscheidungsträger (Betriebsleiter, Hauseigentümer, Bauherren), sondern Politaktivisten, Kunstschaffende ohne Aufträge, Studenten und selbsternannte «Experten», die oft gar keinen Bezug zum Quartier haben. Auch für Animationsbüros, die von der Stadt engagiert werden, sind solche Ausschreibungen eine beliebte Art, einen selbstdefinierten Leistungsauftrag zu erbringen. Nicht ohne Grund hat sich der Quartierverein Wipkingen vor drei Jahren dezidiert gegen die Teilnahme an einer solchen «Quartier-Partizipation» ausgesprochen.

Beim Wiediker Pilotprojekt versucht es die Stadtverwaltung erneut mit diesem Mittel, und zwar im Doppelpack. Gleich zweimal – 2026 bis 2028 sowie 2028 bis 2030 – sollen gemäss Hug «partizipative Budget»-Ausschreibungen durchgeführt werden. Urs Rauber vom QV Wiedikon schüttelt den Kopf: «Verantwortungsloser kann man städtische Gelder nicht zum Fenster hinauswerfen – sie öffnen dem städtischen Selbstbedienungsladen Tür und Tor.» Er sieht sich in seinen Befürchtungen bestätigt, dass beim Pilotprojekt Steuergelder vorzugsweise für Wohlfühlveranstaltungen von Klima-Aktivisten verwendet werden. Dazu der Quartierverein Wiedikon in seinem Brief vom 11. Juni 2025 an die Projektleitung: «Wir plädieren für eine deutliche Redimensionierung des Projekts, für eine Entschlackung von schwammigen Begleitmassnahmen und eine strikte Fokussierung auf konkrete Einzelmassnahmen.» Gleichzeitig schlägt er drei Bündel quartierspezifischer Massnahmen vor: Schaffung von Wärmeverbünden, Förderung des Umstiegs von fossilen auf klimafreundliche Heizsysteme sowie Sanierungszuschüsse für Wärmedämmungsmassnahmen. Hier unsere Stellungnahme.

Die Leitung des Netto Null-Projekts hat diese Stellungnahme damals wortkarg zur Kenntnis genommen, redimensioniert wurde allerdings nichts, im Gegenteil. In der «Alprausch»-Präsentation drückt sich eine ungebremste Lust der Stadtverwaltung aus, die Bevölkerung zu bespielen. Beispiele gefällig? Ab November soll ein «Klima-Kiosk» im Quartier «herumwandern». Im nächsten Sommer will man auf der Kollerwiese ein «Netto-Null-Fest» durchführen. Dazu kommen zahllose Workshops, Zukunftswerkstätten und ein dreitägiger «Climathon Züri» – ein euphorisiertes Treffen für Leute mit «kreativen Ideen und Tatendrang». Lauter Anlässe, auf die sich Fans und Aktivisten freuen dürften, die aber keinen Bruchteil zur Reduktion von Schadstoffen beitragen.

Seltsam findet Urs Rauber, dass man ihn nicht eingeladen habe, «obwohl ich in doppelter Funktion von diesem Anlass betroffen bin – als Anwohner im Projektperimeter Alt-Wiedikon sowie als Präsident des Quartiervereins». Absicht oder Vergesslichkeit? Als er sich an Stadtrat Andreas Hauri wendet, wehrt dieser ab: «Es war keine geheime Veranstaltung» und nicht gegen den QV gerichtet. Man habe einfach nur Personen eingeladen, die sich proaktiv bei der Stadt gemeldet hätten. Dazu Rauber: «Wir haben uns doch schon lange bei der Stadt gemeldet, bereits vor dem Start vor zwei Jahren». Niemand im Quartier habe derart regelmässig und ausführlich auf seiner Website über das geplante Pilotprojekt berichtet.

  • Ein Klimaprojekt für Alt-Wiedikon? (14.11.2023)

  • Generalversammlung des Quartiervereins mit Auftritt von Stadtrat Hauri (20.3.2024)  

  • Netto Null Alt-Wiedikon: Weniger Blabla, mehr Effizienz (13.6.2025)

Hauri selbst hatte dem Quartierverein mehrfach – explizit an der Generalversammlung vom 14. März 2024 – versprochen, ihn künftig einzubeziehen. Warum führt nun die Pilotprojekt-Leitung einen «Vernetzungsanlass» in Alt-Wiedikon durch, ohne den wichtigsten Repräsentanten des Quartiers einzuladen? Der Quartierverein zählt über 1'100 Einzelpersonen, 45 Wiediker Vereine und 85 Firmen als Mitglieder.

Darauf mag der Chef des Gesundheits- und Umweltdepartements im halbstündigen Telefongespräch nicht antworten. Stimmt es also, dass die Projektleitung Kritik von Anwohnern scheut, «die der von der Stadt und ihren beigezogenen Coaching-Büros verbreiteten Euphorie skeptisch gegenüberstehen»? Stadtrat Hauri ist über diesen Vorwurf not amused. Kritische Stimmen seien völlig okay, sagt er, «aber Ihre Tonalität stört dabei». So so, die Tonalität? Ja, räumt Rauber ein, die Entwicklung des Pilotprojekts ärgere ihn gewaltig. Es setze die falschen Prioritäten, gleiche einem grossen Sandkastenspiel und helfe bei der Bekämpfung des Klimawandels überhaupt nicht.

Natürlich ist nicht alles im vorgelegten Pilotprojekt Blendwerk und Begleitmassnahme. Einige Vorschläge des Quartiervereins etwa zur Elektromobilität des Verkehrs, zum Gebäudebereich oder zu Wärmeverbünden tauchen gegen Schluss in der Präsentation ebenfalls auf. Auffällig ist nur, wie vage und unverbindlich konkrete Massnahmen gegen den CO2-Ausstoss behandelt werden. Wie wenn den Verantwortlichen bei diesen Schlusskapiteln – die eigentlich an den Anfang gehören – die Ideen und der Enthusiasmus ausgegangen wäre. Unser Vorschlag lautet seit zwei Jahren immer gleich: Bitte das Pilotprojekt vom Kopf auf die Füsse stellen, die Hauptsache ins Zentrum rücken und das Blendwerk weglassen.

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