top of page

Hermi Schumacher – ein Wiediker Urgestein

  • Mitarbeiter des KITQV Support
  • 6. Feb. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Apr.

Dazu war Hermann Schumacher ein glänzender Erzähler, nicht nur bei Führungen im Quartier, sondern auch wenn er über eigene Erlebnisse berichtete. So habe er als 6-jähriger Bub einmal Adolf Hitler auf dem «Berghof» die Hand geschüttelt und dazu räsoniert: «Ich bin nöd das Hermännchen aus der Schweiz, ich bin de Mandi». Oder wenn er von Jugendstreichen im Pantoffelkino Royal an der Zweierstrasse erzählt, wo er eine Filmvorführung mit einer Spritzkanne vom Dachfenster aus realistisch mit «Regen» begleitet hat. Bei solchen und anderen Erlebnissen ist man verblüfft über seine präzise Erinnerung, seinen Schalk und seine Schlagfertigkeit.

Als Bub verdiente er sich sein Sackgeld durch Austragen der Zeitung «Tat» von Migros-Gründer Gottlieb «Dutti» Duttweiler, und durch den Verkauf selbstgemalter Bilder. Gelegentlich führte er auch Spezialaufträge aus: So überbrachte der 13-Jährige einmal im Auftrag einer «sehr elegant gekleideten Begleitdame» dem Komponisten Franz Lehar auf Schleichwegen einen Christstollen ins Hotel Baur au Lac. Hermi war erfinderisch im Beschaffen neuer Geldquellen. Als er 15 (!) war, kaufte er sich eine mobile elektrische Waschmaschine und gründete sein eigenes kleines Unternehmen, den «Waschmaschinen-Miet-Service». Für fünf Franken pro Tag lieh er die Maschine aus und hatte dabei vor allem in Genossenschaftshäusern viel Erfolg.

Eine weitere Eigenschaft Schumachers war seine Unerschrockenheit. Nicht nur hatte er keine Angst vor «grossen Tieren», wie die Episoden mit Hitler, «Dutti» und Lehar zeigen. Eine andere unglaubliche Geschichte ist, wie er als Jugendlicher Augenzeuge des «Wiediker Familienmords» von 1943 wurde, als sich der damalige Filialleiter der Zürcher Kantonalbank auf einem Balkon an der Zweierstrasse vor aller Augen erschoss. All diese Ereignisse sind belegt durch Erinnerungen von Drittpersonen oder Dokumente (Bussenzettel usw). Denn Hermi selbst, obwohl kein «Studierter», sammelte Andenken, Urkunden, Souvenirs, Zeitungsartikel, Fest- und Vereinsschriften wie ein Historiker, seine Wohnung war voll davon.

Dieter Saxer, ein Hobbyfilmer des Quartiervereins, produzierte 2018 einen 4 ½ Minuten-Streifen über Hermis Kino Royal-Episode, der heute noch auf YouTube abrufbar ist. Einige Geschichten finden sich in Hermis Autobiografie, die der Quartierverein 2022 herausgegeben hat, andere in Beiträgen, die auf unserer Website erschienen sind (siehe Kasten am Schluss).

Zudem hat Ursula Tschirren, Mitarbeiterin des Ortsmuseums, zusammen mit dem Filmemacher Flavian Cajacob eine Videodokumentation hergestellt, die am 8. Juli 2021 im damals noch bestehenden Kino Uto an der Kalkbreitestrasse ihre Uraufführung hatte. Rund 100 Personen drängten sich in das ausgebuchte Pantoffelkino (mehr war wegen Corona-Schutzmassnahmen nicht erlaubt). Es war für alle Anwesenden ein grossartiges Erlebnis, als Hermi in seiner pointiert-trockenen, selbstironischen Art im Film und im Einführungsgespräch seine Erinnerungen zum Besten gab.

Der Quartierverein wie auch die Zunft organisierten Quartierführungen und Referate mit Hermi zur Ortsgeschichte, die meist ausgebucht waren: Wiedikon als Ziegeldorf / Geschichten vom Goldbrunnenplatz bis zum Triemli / Führung rund um die Aemtlerstrasse. Wenn Schumacher von einer Kirche, einem Altersheim oder einem Verein angefragt wurde, über ein vergangenes Ereignis, ein Gebäude oder eine Persönlichkeit im Kreis 3 zu referieren, liess er sich nie lange bitten. Warum tat er das alles? «Ich habe eben einen Sprachfehler: Ich kann nicht nein sagen.» Hermi war eine überaus grosszügige und hilfsbereite Person.

Lieber Hermi, wir danken dir für Alles, was Du für uns, für den Quartierverein und für Wiedikon getan hast. Du lebst in unseren Köpfen und Herzen weiter.

Die Beisetzung von Hermann Schumacher findet am Freitag, 14. Februar, 13.30 Uhr im Friedhof Sihlfeld D statt, die Abdankung anschliessend in der Friedhofkapelle Sihlfeld D.

  • S’ Pantoffelkino z’ Wiedike 19. Oktober 2018

  • Wenn der Falken-Stammtisch erzählen könnte . . . 2. September 2019

  • Als in Wiedikon noch Hochöfen qualmten und Ziegel-Lorrys rollten 6. Februar 2020

  • Weltpremiere im Kino Uto: «Wiedikon gestern & heute» 12. Juli 2021

  • Augenzeuge beim Wiediker Familienmord von 1943 28. April 2022

  • Ein Wiediker Bueb schüttelt Adolf Hitler die Hand 30. November 2022

  • Wiedikon: Vom Bauerndorf zum trendigen Stadtquartier 21. Dezember 2022

  • «Me kännt sich» - Geschichte der Wiediker Vereine 28. Dezember 2022

  • Wiediker Urgestein feiert 90. Geburtstag 10. Mai 2023

Die reich bebilderte Broschüre Wiediker Kindheitserinnerungen von Hermann Schumacher (Zürich 2022, 72 Seiten) kann beim Quartierverein Wiedikon für CHF 15 plus Versandkosten bezogen werden: info@quartierverein-wiedikon.ch

bottom of page