Am 10. Juli fragt uns Barbara B. per Mail: Gibt es im Quartierverein eine Wandergruppe? Eine berechtigte Frage, aber nicht so dringend, dass der Präsident sie sofort beantworten müsste. Jede Woche treffen ein bis zwei ähnliche Mails auf unserem Vereinsaccount ein. So erkundigt sich etwa die Migros Schmiede Wiedikon, ob es im Quartier Hauslieferangebote für ältere Menschen gebe. Oder QV-Mitglied Nurpinar K. will wissen, ob wir einen neuen Platz für ihre Balkonpflanze kennen – vielleicht einen Vorgarten in der Nähe, wo sie ihrem Weihnachtsbaum «beim Wachsen zusehen» kann? Freudentag am 12. Juli. Heute Samstagmorgen stehen wir bei strahlendem Wetter vor dem Stadthaus. Anwesend sind etwa drei Dutzend weitere meist jüngere Menschen. Unser neues Vorstandsmitglied Jesca, Marketingfrau, Instagramerin und Influencerin, feiert heute Ziviltrauung mit ihrem Partner Patrick. Wir sind zu viert vom Vorstand: Aktuarin Karoline, Firmenverantwortliche Céline, Eventorganisatorin Jeanne und Präsident Urs. Das frisch vermählte Brautpaar tritt vor die Türe und wird mit Hallo, Applaus und Seifenblasen begrüüsst. Als Cesca uns wahrnimmt. ist sie ganz überrascht und gerührt. Wir bringen ihr Glückwünsche, einen schönen Strauss und einen Geschenkgutschein im Namen des Vorstands. Vor knapp einem Jahr hat uns Jesca geschrieben: «Ich könnte mir vorstellen, bei euch mitzuarbeiten. Ich bin 41, habe eine 7-monatige Tochter und wohne seit 11 Jahren in Alt-Wiedikon.» Danach hat sie drei Monate bei uns geschnuppert und sich an der Generalversammlung im März 2025 in den Vorstand wählen lassen. Seither macht sie aktiv mit. Wir freuen uns über Dich, liebe Jesca, deine Talente und deinen feinen Humor. Szenenwechsel. Vom Stadthaus begeben sich Jeanne und Urs in ein Café am Münsterhof, um über den fröhlichen Anlass noch etwas auszutauschen. Mitten ins Gespräch platzt eine WhatsApp-Nachricht von Vizepräsident Roli in unserem Vorstandschat: «Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, ich muss leider mitteilen, dass David Kohn am vergangenen Donnerstag an einem Herzinfarkt verstorben ist. David Kohn war unser beliebtester Markfahrer und seit der ersten Stunde am BrupbiMärt dabei.» Wir erschrecken. Freude und Leid so nahe beieinander. Also auf zum BrupbiMärt auf dem Brupbacherplatz. Dort steht ein kleiner Tisch, ein Stuhl, eine Kerze und Blumen darauf. Sowie eine Foto von David Kohn. Im Kondolenzbuch sind schon fast zehn Seiten gefüllt – mit Trauerbekundungen, Abschiedsworten, persönlichen Erinnerungen. «Wir verlieren nicht nur einen begeisterten Marktfahrer, sondern auch einen Freund», schreibt Leonie, Mitglied der Trägerschaft. Stefan, der selbst Marktfahrer und Mitglied der Trägerschaft ist, hat mitgeholfen, die kleine Gedenkstätte einzurichten. Mehrere Marktbesucher danken dem Quartierverein für die spontane Geste. Auf dem Markt steht auch der Stand des Quartiervereins – heute besetzt von der Metallharmonie-Wiedikon. Vreni Meier, die Interimspräsidentin, bietet Instrumente, Wiediker Wimpel, T-Shirts der Blasmusik zum Verkauf/Verschenken an. «Wir müssen uns leider auflösen, wir haben zu wenig Mitglieder, um weiterexistieren zu können.» Ebenfalls ein Abschied. «So ist es halt», sagt Vreni. Trotzdem strahlt sie Zuversicht aus: «Wir würden gerne im Dezember noch einmal beim Glühweinhüttli auftreten. Geht das?» Die Metallharmonie hat schon letztes Jahr dort ein Ständchen gegeben, verstärkt durch Mitglieder der Stadtmusik Eintracht, die ebenfalls Nachwuchsprobleme hat. Beide Musikvereine sind Kollektivmitglieder des Quartiervereins. Am 14. Juli flattert Post vom Seniorama im Tiergarten in die Mailbox: Einladung zum 1. August-Brunch. Das Altersheim, eine indirekte Gründung aus dem Kreis des Quartiervereins, lädt zu einem «genussvollen Vormittag» am Geburtstag der Schweiz ein. Mit «reichhaltigen Buffet à discrétion» zu einem bescheidenen Preis, doch bitte mit Voranmeldung. Und so geht’s weiter an diesem und in den nächsten Tagen. Mit Sponsoring-Zusagen für unsere Wiediker Kunstausstellung. Mit dem Austritt eines Mitglieds als Reaktion auf die Mahnung zur Überweisung des Jahresbeitrages. Und mit unvermeidbaren Rechnungen für Flyer-Drucke und Veranstaltungs-Apéros. Der Alltag hat uns wieder. So wie an den übrigen 51 Wochen des Jahres.