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Der diskrete Charme einer Kunstausstellung

  • Mitarbeiter des KITQV Support
  • 15. Okt. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Apr.

Die Seele eines Orts ist in seiner kreativen Szene und in seiner Kunst zu finden. Das weiss der Quartierverein Wiedikon, der seit 107 Jahren daran arbeitet, den Quartiergeist zu fördern. Diesen Monat präsentiert er seine 46. jährliche Ausstellung «Künstler im Quartier»: jede Woche fünf neue Künstlerinnen und Künstler, die einen Draht zu Wiedikon haben, mit ihren Werken.

Dank dem Ortsmuseum Wiedikon beginnt der Reiz dieses kulturellen Ausflugs schon bei der Annäherung auf der Strasse, bevor man überhaupt ein einziges Gemälde gesehen hat. Das Haus ist ein charmantes Fachwerkhaus am Fuss der Kollerwiese mit einer bunten Geschichte: Der älteste Teil des Bauernhofs wurde schon im Jahr 1400 dokumentiert als «Eselschreis Hofstatt», und das Bevölkerungsregister von 1827 beschreibt es als Armenhaus. Seit 1987 beherbergt das Gebäude das Ortsmuseum und ist eine grosse Bereicherung für das Quartier. Die Räumlichkeiten sind klein mit niedrigen Decken und bieten sich perfekt für eine solche Ausstellung an: verschlungene Zimmer, die dem Besucher gleichzeitig Intimität und ein angenehmes Ambiente gewähren. Sie bringen die Kunstwerke gut zur Geltung und schaffen Raum für Gespräche mit den Kunstschaffenden.

Die Stimmung am Samstag, 11. Oktober 2025 war wieder ausgezeichnet. Und mit 66 Besuchern waren es noch mehr Gäste als an der Vernissage der Vorwoche (53 Personen). Bei Türöffnung um Punkt 17.00 Uhr warteten schon ein Dutzend Personen draussen auf dem Trottoir. Knapp eine halbe Stunde später begrüsste Urs Rauber, Präsident des Quartiervereins, Besucher und Künstlerinnen in der Tenne, um diese kurz vorzustellen. Wie es sich gehört, haben die drei Frauen und zwei Männer alle einen Draht zu Wiedikon: sie leben und arbeiten entweder im Quartier, haben hier Wurzeln oder eine andere Beziehung zum Ort.

Bonaventura van Eerd, ein multi-talentierter Bildhauer, Buchillustrator und sogar Tänzer (!) ist geboren in Holland, kam 1974 in der Schweiz und wohnt seit vielen Jahren im Friesenberg. Er stellt im grünen Zimmer Bleistiftzeichnungen mit figürlichen Motiven vor: sehr fein gezeichnete Menschen, zum Teil zusammengewachsen, teils auf unerwarteter Weise mit Gegenständen verknüpft oder mit einem Körperteil an einer unerwarteten Stelle. Alles sorgfältig ausgeführt, manchmal beunruhigend, und zum Nachdenken anregend.

Im vorderen Teil der Tenne sind die Kunstwerke von Stéphane Kleeb zu finden. Auch er lebt im Friesenberg, ist jedoch aufgewachsen in Basel, wo er seit seiner Jugend alle Kunstausstellungen besucht hat. Später absolvierte er in London eine Ausbildung als Filmregisseur, Kameramann und Soundmixer und produzierte  Dokumentarfilme. Jetzt präsentiert er Gemälde aus Öl auf Leinwand, zum Teil mit Eitempera erzeugt, manchmal mit Mischtechnik. Seine Sammlung ist sehr stimmungsvoll: eine verhangene Fjordlandschaft, diesige Wiesen, eine nebelige Wasserspiegelung, eine gedankenvolle Sicht aufs Meer, Wolken, eine Landschaft, entstanden in seiner Fantasie.

Im hinteren Teil des Erdgeschosses sind Werke von Dilek Bumbacher aus Wädenswil, die sich seit ihrer Jugend mit Malerei beschäftigt, und ihr Atelier in der Nähe des Goldbrunnenplatzes hat. Hatte sie früher berühmte Kunstwerke (in Öl) kopiert, arbeitet sie jetzt eher mit Acryl auf Leinwand und Filzstift auf Papier. Motive sind teilweise impressionistische Landschaften. für die jetzige Ausstellung bemalt sie auch ungewöhnliche Gegenstände – zum Beispiel Jagdtrophäen. Da sie bei der Vernissage leider krankheitsbedingt fehlen musste, wurde sie durch ihre Kinder und Enkelkinder vertreten.

Im Obergeschoss sind die Exponate von Claudia Bischoff, ursprünglich aus der Enge stammend, seit mehr als 30 Jahren in Wiedikon wohnhaft. Sie ist leidenschaftliche Gestalterin und Musikerin – und ehemalige Schülerin von Urs Rauber! Er zitiert sie: «Ich male, seit ich denken kann – in langweiligen Schulstunden hatte ich ganze Skizzenbücher gefüllt.» Und fügte humorvoll hinzu: «Wahrscheinlich bin ich mitschuldig an ihrem Zeichentalent . . .» Ihre heutigen Gemälde stellen Naturgewalten, Unterwasser, Spurensuche dar, manche impressionistisch beeinflusst.

Der hinterste Teil im Obergeschoss ist für Sibylle Schroff reserviert, eine in Winterthur wohnhafte Wiedikerin mit Atelier in der Binz. Sie bietet Kurse an und hat einen Ideen-Blog für allerlei Kreatives mit einem Upcycling-Webshop. Ihre dreidimensionalen Werke sind kleine Welten in Sardinenbüchsen. Sie schafft Objekte aus Strandgut und rezykliertem Material.  Für diese Ausstellung zeigt sie Sujets, die dem Publikum zum Teil bekannt sind: die Giacometti-Fresken («Blüemlihalle»), das Opernhaus usw.

Das zahlreich erschienene Publikum führte angeregte Gespräche mit den Ausstellenden über ihre unterschiedlichen Motive, Stile und Persönlichkeiten. Und es genoss dazwischen auch den reichhaltigen Apéro, der vom Quartierverein gestiftet wurde.

Die nächsten Vernissagen finden am 18. und am 25. Oktober statt, jeweils ab 17.00 Uhr im Ortsmuseum, Steinstrasse 8. Für jene, die es nicht zu den Vernissagen schaffen, hat das Ortsmuseum täglich (ausser Montag) von 16.00 bis 19.00 Uhr geöffnet. An jedem Tag wird eine Künstlerin oder ein Künstler vor Ort sein. Fast alle Werke können auch gekauft werden, teils zu höheren, teils aber auch zu sehr moderaten Preisen.

Text: Jeanne Rasata 

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