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Anekdoten um die Martasträssler

  • Autorenbild: Quartierverein Wiedikon
    Quartierverein Wiedikon
  • 20. März
  • 4 Min. Lesezeit

Im Sihlfeld-Quartier weiss man genau, wer die «Martasträssler» sind. Im Februar 2020 hat der Quartierverein unter dem Titel «Die Strassenkinder vom Sihlfeld» erstmals über sie geschrieben. Es waren jene sportlichen Buben und Halbwüchsigen aus dem Viereck Marta-, Zentral-, Zypressen- und Aemtlerstrasse, die in den 1950er und 1960er Jahren das Quartier unsicher machten. Darunter spätere Fussballstars wie Köbi Kuhn, Bruno Brizzi, Richard Jäger oder der Kunstturn-Europameister Max Benker.

Martasträssler Jugendgruppe, darunter Werner Lüscher (1. Reihe, 1.v.r.), ca. 1950
Martasträssler Jugendgruppe, darunter Werner Lüscher (1. Reihe, 1.v.r.), ca. 1950

«Wir waren der beste Sportclub weit und breit,» sagt dazu Werner Lüscher. Sie seien etwa 85 Personen gewesen, die damals in einem Radius von 200 Metern rund um die Martastrase im Quartier Sihlfeld gross geworden seien. Vier Martasträssler wurden später Spieler der Schweizer Nati, manche FCZ- und GC-Fussballer, andere passionierte Velorennfahrer, einer war Schweizer Meister im Zielbogenschiessen und vieles mehr. Werner Lüscher war etwas jünger und mehr im Hintergrund tätig. Später wurde er zum Chronisten und Organisator der jährlichen Martasträssler-Treffen. Heute lebt der hagere 84-Jährige in einer Wohnung an der Baslerstrasse direkt hinter dem Letzigrund. Er übergibt uns sein Fotobuch mit zahlreichen Erinnerungsschreiben, Artikeln und Notizen: «Das gehört nach Wiedikon, das ist eure Geschichte.»

Zusammenstellung Werner Lüscher: Einzugsgebiet der Martasträssler
Zusammenstellung Werner Lüscher: Einzugsgebiet der Martasträssler

Fotoalben sind in Zeiten von Smartphones und Social Media ziemlich aus der Mode gekommen. Schade eigentlich, denn durch sie werden die Geschichten von denen, die sie erschaffen haben, besonders anschaulich und greifbar. Wir beginnen in Walter Lüschers Fotoalbum zu blättern und staunen bereits auf den ersten Seiten über eine Reihe von schwarz-weiss Fotografien aus den 1940er- und 50er-Jahren, über die jugendlichen Martasträssler vor einer Quartierbeiz mit Coca-Cola-Werbung. Über  waghalsige Velorennen mit frenetisch jubelnden Zuschauern. Unweigerlich fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt, als es noch kein Fernsehen gab und das Strassenbild nicht von Autos und Lastwagen dominiert wurde.



Es war die Zeit, als Wiedikon stark durch die Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung geprägt war. Gemäss dem Zürcher Historiker Christian Koller war Wiedikon in den 1930-Jahren fest in sozialdemokratischer Hand und zählte zu den «roten Stadtkreisen». Bei den Wahlen 1933 erhielten die Sozialdemokraten im Kreis 3 beeindruckende 59,3% der Wählerstimmen. Werner Lüscher weist mit Stolz darauf hin, dass auch die Martasträssler Arbeiterkinder gewesen seien und die Erfahrung der gemeinsamen Herkunft ihren Zusammenhalt gestärkt habe.



1975, als sich die Martasträssler erstmals zu einer gemeinsamen Zusammenkunft auf dem Sportplatz Sood in Adliswil trafen, hatten die Boomjahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Schweiz markant verändert. Auf der als «Pesttangente» verschrienen Weststrasse staute sich mittlerweile inmitten von Wiedikon der Autobahnzubringer-Verkehr. An ein unbeschwertes Fussballspielen in den Quartierstrassen war nicht mehr zu denken. Bestimmt sprach man an diesem ersten Meeting auch über solche Entwicklungen. Im Vordergrund standen aber wie bei späteren Zusammenkünften die Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Jugendjahre. Insgesamt organisierte Walter Lüscher 19 Treffen, die meisten davon im Bociodromo da Cono beim Letzigrund. Die Aufnahmen dieser Anlässe zeigen die Martasträssler beim Essen, Musizieren und Diskutieren. Die Vertrautheit der Teilnehmer und die familiäre Atmosphäre sind für den Betrachter mit Händen greifbar.



Aus dem Fotoalbum: Zusammentreffen 2017
Aus dem Fotoalbum: Zusammentreffen 2017













Köbi Kuhn mit Werner Lüscher (2012)
Köbi Kuhn mit Werner Lüscher (2012)












Wie für Fotoalben typisch, finden sich auch im Erinnerungsalbum von Lüscher nicht nur Fotografien, sondern Anmerkungen und liebevoll eingeklebte Zettelchen. So weist etwa eine mit «Palmares» bezeichnete Liste auf die Erfolge der talentiertesten Sportler aus ihren Reihen hin. Und eine Anekdote berichtet vom extravaganten Ruedi Aschwanden, der sich in jungen Jahren in Walters Schwester Lotti verliebte und später als Taxifahrer seine Berufung fand. Eine weitere Geschichte schildert eine abenteuerliche Velofahrt über den Klausenpass. Dabei erfahren wir, dass ab dem Urnerboden die Passstrasse gesperrt war und die Protagonisten mit auf die Schultern gepackten Drahteseln über Schneefelder und glitschige Wiesen gehen mussten, um die Passhöhe zu erreichen. «Ganz im Stil von Kübler und Koblet», so der Berichterstatter, hätten sie nicht aufgegeben und seien schliesslich teils über zeitraubende Umwege heil in Zürich angekommen.



Ein begeisterter Velotouren-Fahrer ist auch Werner Lüscher selbst. Oft radelt er auch heute noch in Mallorca, wo er seit vielen Jahren eine Wohnung besitzt. Beruflich war Lüscher Versicherungstreuhänder für Architekten und Bauherren. Nach 20 Jahren als Angestellter bei der Zürich-Versicherung hatte er sich selbständig gemacht. Lüscher war verheiratet «mit der liebsten Frau, die Sie sich vorstellen können; aber wir passten nicht zusammen. Sie war introvertiert, ich ein Lebemann». Sie hatten zusammen zwei Töchter, mit ihnen hat er bis heute ein gutes Verhältnis.


Werner Lüscher zuhause (Februar 2026)
Werner Lüscher zuhause (Februar 2026)

Von seinem Balkon blickt Werner Lüscher direkt auf den Letzigrund
Von seinem Balkon blickt Werner Lüscher direkt auf den Letzigrund

Bis er fast 80 war, schloss Lüscher immer noch Versicherungen ab und lebte von den Provisionen. Er zeigt uns die Aussicht von seinem Balkon direkt auf die Trainingswiese hinter seiner Wohnung und meint: «Dies ist sicher die teuerste Trainingswiese der Stadt Zürich». Als wir ihn im Februar anrufen, teilt er mit, dass gerade seine Lebenspartnerin, die in den letzten Monaten sehr krank war, verstorben sei. Er fliege nun zu ihrer Beerdigung in Süddeutschland  



Werner Lüscher hat uns mit seinem Fotoalbum eine Quelle übergeben, die für die Geschichte der Martasträssler von unschätzbarem Wert ist. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass das Album dereinst in einem Archiv digitalisiert, erschlossen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden solle, antwortet er: «Ja, das wäre toll! Dann können sich auch spätere Generationen an das einzigartige Phänomen der Martasträssler aus Wiedikon erinnern!»   



Text: Alexander Lekkas und Urs Rauber

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